Kultur : Nimm die Füße vom Tisch

Er mag Musik nicht, wenn sie laut ist: Warum der Sänger Danny Dziuk zu Unrecht viel zu unbekannt ist

Kai Müller

Neulich ist ihm was ziemlich Irres passiert. Da flog seine Band mit dem Privatjet eines amerikanischen Beinahe-Milliardärs in die Staaten. Auf dem Rollfeld warteten abgedunkelte Stretch-Limousinen. Feinster Bushmills-Whisky klirrte in der Minibar. Und im Hotel war für jeden Musiker eine Suite reserviert. Auch da: die Minibar voll. So was erleben Rockstars jeden Tag. Aber die wohnen für gewöhnlich nicht in Kreuzberg.

Danny Dziuk lächelt und wischt eine Strähne aus dem Gesicht, die der Wind gleich wieder zurückwirft. Er hat einen Biergarten unweit seiner Wohnung als Treffpunkt vorgeschlagen. Die hätten da auch eine Großbildleinwand. Wegen dem Spiel. Dass der Mann mit dem melancholischen Blick gerade einen WM-Song veröffentlicht hat („Fifa vor!“) passt da natürlich. Aber er wischt es mit der Bemerkung beiseite: „Der ist nicht wichtig.“ Stattdessen fährt seine Zunge in Erinnerung an den Bushmills über die Lippen. Ja, ziemlich irre sei das gewesen mit dem Typen, der 800 Millionen Dollar auf dem Konto hat und einen Teil davon nur deshalb an einen Haufen Rockmusiker verschwendete, weil er mal, vor seiner Zeit als Immobilien-Tycoon, „Deadhead“ gewesen war, ein Fan der Kultband Grateful Dead. Nach einer gescheiterten Ehe erinnerte er sich daran und kutschierte eine Allstar-Ensemble durch die USA, zu der auch, kurioserweise, der Wahlkreuzberger Dziuk gehörte. Beste Restaurants, Hotels und Limousinen-Service inklusive. Die Truppe sollte sich wie Stars fühlen. Nach der Hälfte der Tour „knallte“ es zwischen Mäzen und Günstlingen. Von da an schliefen sie im Bus.

Vielleicht wird Danny Dziuk, der das alles nur erlebte, weil er im richtigen Moment zu viel Mitleid hatte, einmal einen Song darüber schreiben. Denn das tut Dziuk am liebsten. Der 49-Jährige ist ein begnadeter Erzähler. Seit Jahren gilt er als verkanntes Songwriter-Genie. Fünf Soloplatten hat er gemacht, keine brachte den Durchbruch, aber jede war schöner als die davor. Im Herbst kam „Gebet & Revolver“ (Buschfunk) heraus, 15 Lieder über die Unwägbarkeiten des Lebens, Kampfhunde, abgehalfterte Alpha-Tiere, Antisemiten und Leute, die einem die Zeit rauben mit ihrer Aufdringlichkeit. Das sind Songs von zart-bitterer Ironie und Aufmunterungsverzweiflung.

Dziuk musste lange auf diesen Sound warten. „Postjob München, ich war ganz frisch“, singt er, „Vorarbeiter sagte ,Nimm die Füße vom Tisch’/ Während sein blöder Ton es mir komisch-/ erweise gar nicht erst erlaubte … Misch/ die Karten noch mal, Vater, bitte vergib/ dafür, dass uns gar nichts anderes übrig blieb.“ Es sind gewundene Zeilen, die ein gerader Country-Beat antreibt, eine leicht verzerrte Gitarre setzt feine Akzente, der Zorn, der mal da gewesen sein muss, federt in der Orgel nach wie eine alte Radaufhängung. Dass hier Strophen zerhackt, sogar Worte zerschnitten werden, um in Dziuks eigentümlichen Singsang aufzugehen, ist kein Stilmittel, wie er sagt. „Mir wär’s lieber gewesen, wenn’s ohne Brüche gegangen wäre, aber ich wollte das gesagt haben und anders bekam ich’s nicht hin.“ Jeder Ton sagt: Da ist einer an die Musik des amerikanischen Südens verloren gegangen, an Dylan, an Randy Newman, Van Morrison und den Blues.

Dabei stand ihm, dem 1956 in Moers Geborenen, zunächst eine Karriere als Konzertpianist offen. Das Abitur noch nicht in der Tasche, bereitete sich der „übersensible Frühentwickler“ (Dziuk) mit Bach und Schönberg auf das Konservatorium vor, wohin er dann doch nicht ging. „Kerouac und Dylan haben mich auf die Straße geschickt. Ich wollte nicht das Drama des begabten Kindes erleben.“ Er schlug sich in den Weinbergen Südfrankreichs als Erntehelfer durch, arbeitete im Hafen von Rotterdam, in Irland las und trank er ein bisschen zu viel, in Griechenland landete er beim Straßenbau. Schließlich schleppte er Getränkekisten in Westberlin. Das Vagabundenleben, das er auch aus Frust über die linke Welterklärungsgemütlichkeit wählte, hinterließ Spuren. „Ich wollte eigentlich nur nicht Lehrer werden“, gesteht Dziuk kopfschüttelnd. „Wenn ich Punk, was damals groß herauskam, mitgemacht hätte, wäre ich heute tot.“ Dann hätte ihm auch Warren Zevons Herumtreiber-Ballade „Lawyers, Guns And Money“ nicht mehr geholfen, die in Dziuks Herz bis heute nachhallt.

Die achtziger Jahre blieben in seiner Vita eine dunkle Episode. Gut genug, um in der Blues-Szene als Pianist Beschäftigung zu finden, war er allemal.Die Musik war laut und schnell, und Bars gab es viele, um darin den Geschichten der Anderen zu lauschen. Er habe sich, gibt Dziuk auf seiner Website zu, in „all die falschen Meinungen über Musik verstrickt, die sich in der Birne dessen so ansammelten, der sich auf den Afterparties im Quasimodo vielleicht etwas zu wohl fühlte.“

Dass Dziuk dem breiten Publikum bis heute nicht weiter aufgefallen ist als durch seine Zusammenarbeit mit dem Songwriter Stoppok, den Deutschen Kleinkunstpreis (2004), den Liederpreis des SWR (2002) und etliche Filmmusiken (für „Tatort“, „Schimanski“, das „Kleine Fernsehspiel“), liegt vor allem an einer unüberwindbaren Scheu. Als ästhetisches Ideal bezeichnet er einmal „präzises Understatement“. Obwohl er mit Dziuks Küche eine exzellente Band unterhält, zieht er sich meist allein in sein Wohnzimmer- Studio zurück. Für „Gebet & Revolver“ brauchte er vier Jahre. Am liebsten wäre ihm ein Frontmann, der ihm das Singen abnähme. Aber der streicht ihm dann womöglich seinen besten Vers.

Nach einem Berlinkonzert von Tom Waits löschte Dziuk die Bänder von sieben Songs, an denen er lange gebastelt hatte. „Das ging ganz schnell und einfach und mit wachsender Begeisterung noch in derselben Nacht.“ Waits hatte ihm eine Lektion erteilt: „auf die Stille zwischen den Noten achten“. Was sich so einfach anhört, ist Gottvertrauen. Und tatsächlich, eines Tages bekam Dziuk den Anruf eines amerikanischen Kollegen, der ihn schätzte, so viel wusste jener. Er solle seine Orgel mitbringen. Der Amerikaner und seine Kumpels würden in Berlin auftreten. Sie taten es vor zwanzig Leuten. Und Dziuk ging das so nahe, dass er die US-Boys noch liebenswürdiger behandelte, als er das seinem Wesen nach ohnehin getan hätte. Da war er ihr Mann. Er hatte ja keine Ahnung, dass sie ihn bald in ein Privatjet setzen würden.

Dziuks Küche spielen heute und morgen im Quasimodo, 23 Uhr.

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