Nina Hoss geht an die Schaubühne : Wechseln gehört zum Handwerk

Nina Hoss geht vom Deutschen Theater an die Schaubühne. Das ist mehr als ein bloßer Schauspielertransfer, es ist ein Zeichen: Die Berliner Theaterszene braucht Veränderung.

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Nina Hoss 2012 in Tschechows "Kirschgarten" am Deutschen Theater.
Nina Hoss 2012 in Tschechows "Kirschgarten" am Deutschen Theater.Foto: DAVIDS

Fußballvergleiche im Theater sind im Grunde blöd. Sie hinken wie Mario Götze, als er im Halbfinale der Champions League nach einer Viertelstunde in Madrid vom Platz musste, Muskelfaserriss. Götze wird in der kommenden Spielzeit von Dortmund zu den Bayern transferiert, und wenn jetzt Nina Hoss vom Deutschen Theater an die Schaubühne wechselt, dann ist das nicht nur eine Nachricht. Es ist ein Zeichen, es bedeutet etwas jenseits des Geldes, das in diesem Fall nicht den Ausschlag geben dürfte.

Der Zeitpunkt entscheidet. Es geht beim Wechsel dieser wunderbaren, prominenten Schauspielerin um Perspektiven, um Arbeitsbedingungen, um die Lust auf Neues, innerhalb derselben Stadt. Das Deutsche Theater stand schon besser da, die Schaubühne möchte sich auch mal wieder neu erfinden, expandieren. Da kommt der Ball ins Rollen. Denn es ist ja nicht nur so, dass Fußball das größte aller Spektakel ist, Riesenkino und für manch einen gar Religion. Es spiegelt sich im Fußball schließlich das Allgemein-Menschliche ebenso wie das Speziell-Künstlerische. Und die Schaubühne meldet massiv ihren Anspruch auf den Spitzenplatz an; den hielt sie in den siebziger und noch bis in die achtziger Jahre besetzt. Noch eine Parallele drängt sich auf. Theaterensembles haben ihre Hochzeiten, dann geht’s zurück ins Mittelmaß, oder tiefer hinab. Und wie große Bundesligaclubs kommen auch Bühnen wieder zurück, schwingen sich mit Hilfe ihres Potenzials und ihrer (durchaus belastenden) Tradition zu frischer Stärke auf.

Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier könnte an einem solchen Punkt angelangt sein. Im Ausland, auf Festivals, gilt er seit Jahren als einer der Großen. In der eigenen Stadt sehen das manche anders. Darunter leidet ein Regisseur und Intendant. Ostermeier kam selbst einmal vom Deutschen Theater, leitete dort die Baracke mit derart fulminantem Erfolg, dass er 1999 zum Retter der dümpelnden Schaubühne erkoren wurde, gemeinsam mit der Choreografin Sasha Waltz. Für DT-Intendant Thomas Langhoff ein harter Schlag: Die Jungen waren plötzlich weg, die Zukunft. Waltz und Ostermeier hielten es nicht lange miteinander aus.

Jetzt verliert Ulrich Khuon, Langhoffs Nach-Nachfolger am Deutschen Theater, zwei seiner Leistungs- und Sympathieträger. Dass Nina Hoss zu Ostermeier geht, den sie aus alten Zeiten an der Schauspielschule „Ernst Busch“ kennt, wie auch den bekanntesten SchaubühnenProtagonisten Lars Eidinger, fällt zusammen mit einer weiteren Mitteilung. Auch der Regisseur Michael Thalheimer orientiert sich Richtung Schaubühne. Er hat dort allerdings schon einmal inszeniert – und sich noch nicht festgelegt, wie es nach seiner zweiten Arbeit am Lehniner Platz weitergeht.

Thomas Ostermeier
Thomas OstermeierFoto: AFP

Wozu auch? Thalheimer, der mit seiner Frankfurter „Medea“ gerade das 50. Berliner Theatertreffen eröffnet hat, gehört zu den Stars der Branche. Er kann sich aussuchen, in welcher Theaterküche er seine aparten Klassiker-Reduktionen probiert.

Khuon findet es nicht günstig, wenn ein Regisseur in einer Stadt an zwei konkurrierenden Bühnen tätig ist. Aber mit Thalheimer verbindet ihn eine lange Arbeitsbeziehung, seit seiner Intendanz am Hamburger Thalia Theater. Er sagt: „Die Tür bleibt offen.“ Thalheimer müsse sich jetzt nicht sofort entscheiden. Um Nina Hoss aber, versichert Khuon, „habe ich gekämpft. Es ist schade für uns. Sie tut einem Theater gut. Aber wir haben mit und ohne Nina Hoss das stärkste Frauenensemble Deutschlands.“ Was wiederum wie Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke klingt. Leicht verletzt, aber offensiv.

Hier müssen sich die Fußballweisheiten langsam verabschieden. Denn demnach wäre die Schaubühne der FC Bayern des hauptstädtischen Theaters – und das Deutsche Theater Borussia Dortmund. Passt aber nicht. Das DT verstand sich immer als der FC Bayern und die Volksbühne als der Herausforderer, der aber in Wahrheit die Maßstäbe setzte. Es gibt auch noch Claus Peymanns Berliner Ensemble, Peymann ist Fan von Werder Bremen, das BE freilich nicht abstiegsbedroht. Das Maxim Gorki Theater bekommt zur nächsten Saison mit Shermin Langhoff eine neue Trainerin, sie könnte eine starke SC Freiburg-Überraschungsrolle spielen. Und der frühere HAU-Chef Matthias Lilienthal sagte vor einem Jahr bei seinem Abschied: „Ich bin der Jürgen Klopp des Theaters.“ Seine Nachfolgerin Annemie Vanackere zeigt seit letztem Herbst, dass Theater auch ohne Fußballermentalität lebt und gedeiht. Allerdings hat das Hebbel am Ufer kein Ensemble, hier spielen Gäste und einige Stammkünstler.

Ulrich Khuon
Ulrich KhuonFoto: dpa

Wie überall im professionellen Leben sind Wechsel normal. „So etwas passiert immer wieder“, sagt Ulrich Khuon, „so ist es halt. Da darf man nicht doppelzüngig sein. Oliver Reese, der Intendant vom Schauspiel Frankfurt, hat sich auch nicht gefreut, als wir die Schauspielerin Cathleen Morgeneyer nach Berlin engagiert haben.“ Dafür ging Constanze Becker an den Main. Und dann sagt Khuon: „Wir sind am kämpfen.“

Er ist ein redlicher Mann, er erzählt nicht, wie toll alles ist, wenn es nicht so gut läuft. Dem Deutschen Theater weht seit längerem der Wind ins Gesicht. Zuletzt war der mit Spannung erwartete, hoch besetzte Shakespeare-Abend von Dimiter Gotscheff eine große Enttäuschung. Und die vielen kleinen Sachen, die das DT produziert, reißen die Stimmung nicht heraus. Mit Sven Lehmann – am Sonntag war er noch einmal im Potsdamer „Polizeiruf“ im Fernsehen zu sehen – starb vor einigen Wochen ein herausragendes Ensemblemitglied. Er war der Prinz in Thalheimers bahnbrechender „Emilia Galotti“-Inszenierung von 2001, zu Beginn der Intendanz von Bernd Wilms. Die Aufführung ging um die Welt, formte einen Stil, wurde Legende. Nina Hoss spielte die Gräfin Orsina, Regine Zimmermann die Titelrolle. Auch sie geht jetzt, nach Jahren am Maxim Gorki Theater, an die Schaubühne.

Wenn die Hoffnung nicht trügt, kommt endlich wieder Bewegung in die Berliner Theaterlandschaft. Sie ist geprägt von Langzeitintendanzen. Claus Peymann regiert seit 1999 am BE, Frank Castorf ist seit 1992 mit der Volksbühne verbunden und Thomas Ostermeier eben auch schon seit 14 Jahren mit der Bühne, die Peter Stein 1985, nach anderthalb Jahrzehnten, im Krach verließ.

Regine Zimmermann
Regine ZimmermannFoto: dpa

Ostermeiers Erfolge als Regisseur verdankten sich meist starken Frauen. Anne Tismer war seine „Nora“, Katharina Schüttler seine „Hedda Gabler“. Die naturalistischen Dramen des Henrik Ibsen liegen ihm. Er baut eine drückende psychologische Enge auf und inszeniert dann einen umso massiveren Ausbruch. Nora schießt sich den Weg aus dem Puppenheim frei, Hedda richtet die Waffe gegen sich selbst. Die Hauptdarstellerinnen im Ostermeier-Theater weisen oft extrem selbstzerstörerische Züge auf. Als Anne Tismer einmal die „Lulu“ von Wedekind spielte, war die sadomasochistische Atmosphäre kaum auszuhalten. Anne Tismer suchte nachher in der freien Szene neue Wege, Katharina Schüttler spielte vorwiegend im Fernsehen und im Film und trat zwischendurch auch am Deutschen Theater auf, in Gorkis „Kinder der Sonne“, mit Ulrich Matthes, Nina Hoss, Sven Lehmann und Alexander Khuon. Matthes’ Heimat war lange die Schaubühne am Lehniner Platz, ehe er DT-Ensemblemitglied wurde.

Wechseln gehört zum Handwerk. Solange Schauspieler nicht von der Bühne verschwinden, besteht kein Grund zur Panik. Allerdings: Henry Hübchen spielt gar kein Theater mehr, Herbert Fritsch inszeniert lieber, Samuel Finzi zieht es zum Film, und der „Tatort“ braucht ständig Kommissarsnachschub. Deshalb ist es eine gute Nachricht, dass Nina Hoss zur Schaubühne geht. In welcher Situation auch immer das Deutsche Theater steckt – sie hat sich entschieden, weiter Theater zu spielen. Das Publikum wird ihr folgen.

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