Kultur : Ninja Tunes: Ab in den Untergrund

Eric Mandel

Die Achtziger. Wir erinnern uns: Der Unterschied zwischen Hip-Hop und Acid House war nur Spezialisten bekannt, Plattenfirmen führten beides sicherheitshalber unter "Dance". Wer sich auskannte, wusste schon zu unterscheiden. Heute werden für die ehemaligen no names der Elektro-Musik sogar eigene Abteilungen in den CD-Regalen der Kaufhäuser eingerichtet. Das ehrenvolle Underground-Dasein haben die Tüftler abgeschüttelt.

Nur Matt More und Jonathan Black, unter dem Namen Coldcut als Hitlieferanten von Lisa Stansfield und Yazz bekannt, machten es andersherum. Sie entdeckten den Einzelkämpfer-Mythos japanischer Ninjas für sich und hoben 1990 mit Ninja Tune ihre eigene, unabhängige Plattenfirma aus der Taufe. Über 200 Veröffentlichungen sind bisher erschienen, und die besten - nicht nur britischen - Köpfe der elektronischen Musik haben im Laufe der Zeit unter Pseudonym bei dort veröffentlicht. Nur zwei Dinge nahmen Black und More aus ihrern "kommerziellen" Tagen mit: Der Unterschied zwischen Hip-Hop und anderer "Dance"-Musik ist gesellschaftspolitisch unerheblich. Zweitens: Ninja Tune macht Musik for the people, wenn auch in einem etwas anderen Sinne als Majorlabel wie Sony oder EMI. Die Botschaften der Ninjas waren immer positiv, humanistisch (bis hin zur Unterstützung von Greenpeace), global und interdisziplinär. Die Ambitionen fanden sich in einer innovativen und aufwendigen Covergestaltung wieder, schon früh - 1994 - einer Webseite. Noch bevor es den Ausdruck VJ gab, scratchte Matt More nicht nur mit Plattenspielern, sondern auch mit Videorecordern.

Das letzte Coldcut-Album enthielt eine CD-ROM mit Spielprogrammen. Sie funktionierten zwar nur zum Teil, aber eine wichtige Botschaft vermittelten sie trotzdem: Do it Yourself. Akzeptier nicht, was dir vorgesetzt wird, sondern steig dahinter und mach selbst was draus. Und schick vielleicht mal einen Track in London vorbei, es winkt immerhin die Präsenz auf einer ihrer aufwendigen und liebevoll gestalteten Ninja-Labelsamplern.

Jetzt veranstaltet das Label alle zwei Monate im Berliner Icon-Club einen Abend. Dabei wird eigentlich - gemäß dem coldcutschen Pragmatismus - nur in feste Form gegossen, was ohnehin bereits funktioniert, wie Auftritte von DJ Vadim und dem britischen Rapper Roots Manuva in der Vergangenheit belegen. "Abende wie diese sollen nach und nach in ganz Europa geschehen. Berlin startet sogar noch vor unserem festen Club in London. Es wird Showcases geben, mit jeweils einem Live-Act und einem DJ, je nachdem, wer gerade eine neue Platte draussen hat", beschreibt Strictly Kev aus dem Ninja-Tune Hauptquartier die näheren Umstände. Kev bringt seit 1994 seine Dreifachbegabung als Produzent, DJ und Designer einiger der schönsten Coverarbeiten mit ein. Gemeinsam mit Patrick "PC" Carpenter repräsentiert er die Institution DJ Food, die den ersten Berliner Abend bestreiten wird. Ein zweiter Höhepunkt verspricht der Auftritt von Luke Vibert zu werden. Der britische DJ hat eben unter dem Pseudonym Wagon Christ eine CD / Doppel-LP auf Ninja Tune veröffentlicht, die mit einem wilden Mix aus Hip-Hop, Dancebeats und merkwürdigen Geräuschen die stilistische Offenheit des Hauses abbildet. Sie liefert einen Vorgeschmack dessen, was im Icon zu erwarten ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar