Kultur : "Nirgends ist mehr Fremde als hier" - DDR Erziehung macht Angst

Eva Stern

Die Wohnung des Rheinsberger Stadtschreibers befindet sich im Kavaliershaus, nahe dem Schloss. Dort hatte sich die Berliner Schriftstellerin Inka Bach für fünf Monate einquartiert, um in Ruhe ein Buch zu schreiben. Aber nachdem im Anschluss an ihre Antrittsrede der Leiter der Tucholsky-Gedenkstätte von Jugendlichen zusammengeschlagen wird, ist die Ruhe dahin. Überall lauert für sie Gewaltbereitschaft in Fontanes unüberschaubarer märkischer Idylle. Dieses Thema hat sie sich nicht gewünscht, und nur ein Tagebuch hilft ihr, die unbeantworteten Fragen zu ertragen.

Neue Überfälle häufen sich. "Suff oder rechte Gesinnung? Oder beides?" Angst verfolgt sie bis in die Träume. Bis ihr klar wird, dass sie hier den Geruch der alten DDR aufnimmt, in der sie bis zu ihrem 16. Lebensjahr gelebt hat. Erschrocken erkennt sie angstmachende Strukturen aus dem Kindergarten wieder, wo rigide Strafmaßnahmen seelische Verletzungen hinterlassen haben. "Nirgends ist mehr Fremde als hier", schreibt sie und erinnert sich an ihre fruchtbaren und unbeschwerten Pariser Jahre.

Die unbequeme Stadtschreiberin fragt sich, ob die Eltern der orientierungslosen Jugendlichen die autoritäre Erziehung weitergeben. Sie fragt sich auch, ob sie selbst durch ihre Flucht aus der DDR mit den angefeindeten Ausländern das Gefühl teilt, fremd zu sein, ob sie übersensibilisiert ist. Die fremdenfeindliche Haltung der älteren Generation führt sie auf die Isolation der DDR zurück, wo alles Böse nach außen verlagert wurde und jeder Fremde kontrolliert wurde als käme er als Feind.

Am Ende von Inka Bachs Stadtschreiberzeit ist nichts besser geworden. Das Bewusstsein "Rheinsberg ist überall" nimmt sie mit nach Hause.Inka Bach: Wir kennen die Fremde nicht. Rheinsberger Tagebuch. Ullstein Verlag, Berlin2000. 212 Seiten, 34 DM.

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