Kultur : Nirgendwo hört der Spaß auf

Sänger, Schriftsteller, jüdischer Cowboy: Kinky Friedman will Gouverneur von Texas werden

Wiglaf Droste

Er meint es ernst: Kinky Friedman, bekannt als jüdisch-texanischer Countrysänger und Autor von Kriminalromanen, in denen er selbst die Hauptrolle spielt, tritt als Kandidat für das Amt des texanischen Gouverneurs an. Dass er ein im Wortsinn Unabhängiger ist, zeigt schon eine seiner Wahlkampfparolen: „Kinky for Governor! Why the hell not?“

Ja genau: Warum zur Hölle nicht? Hier tritt keine von mäßigem Talent und unmäßigem Ehrgeiz zusammengeklammerte Showbusiness-Figur wie Ronald Reagan oder Arnold Schwarzenegger in die politische Bütt. Am 1. November 1944 kam er als Richard Friedman in Chicago zur Welt, schon bald darauf zog seine jüdische Familie nach Texas. Auf der „Echo Hill Ranch“, so erzählt es seine jüngere Schwester Marcie, beschloss der etwa fünfjährige Kinky Friedman, Countrysänger zu werden. Den Plan machte er später wahr, gründete die Band Kinky Friedman and The Texas Jewboys und wurde nach eigener Auskunft „der einzige Jude außer Jesus, den man in Texas kennt“.

Sein berühmtester Song, „They Ain’t Makin’ Jews Like Jesus Anymore“, ist eine grandios zugespitzte An- und Absage an Antisemiten, die, kaum zur Rede gestellt, selbstverständlich nicht sein wollen, was sie sind. Dass die Juden nicht mehr jesusmäßig die andere Wange hinhalten, wie es ihnen von Leuten nachgesagt wird, die ihnen damit infamerweise zumindest eine Mitschuld am Holocaust zuschieben wollen, ist auch heute und für alle Zeiten eine schöne Botschaft an die Welt.

In der Kunst, sich die Vernagelten und Beknackten aller Fraktionen zu Feinden zu machen, erwies sich Friedman, äußerlich eine Mischung aus Groucho Marx und Texas-Ranger, als zuverlässig bewandert. Auf sein „Proud to Be an Asshole from El Paso“ reagierten Südstaatler gar nicht freundlich, und als er, ebenfalls in den Siebzigern, sein „Get Your Biscuits in the Oven and Your Buns in the Bed“ sang, wurde er von Women’s Lib dafür zum „Sexist of the Year“ gekürt. Seine charmante Replik, „Yes, it’s true, I’m the sexiest“, vermochte dem Konflikt nicht die Schärfe zu nehmen. Hinter Friedmans Spott-, Irritations- und Provokationslust verbirgt sich ein warmherziger, mitfühlender Mann – dem es mit kindlicher Hingabe, Liebe und Wahrhaftigkeit gelang, ein Lied über den Holocaust zu schreiben.

In Deutschland wollte Kinky Friedman, der Anne Frank und Hank Williams zu seinen Schutzheiligen zählt, mit Absicht nie auftreten. „Die Deutschen“, pflegte er zu sagen, „sind mein zweitliebstes Volk. Das liebste ist jedes andere.“ Dann kam er doch: Im Juli 1998 trat er in der Berliner Passionskirche auf. Er stand unter dem hölzernen Lattenjupp und wusste viel über ihn und sich zu erzählen: Beide sind sie unverheiratet, haben keinen festen Job und ziehen sie durchs Land, um die Menschen zu irritieren. Friedman sang mit leiser, zärtlicher Stimme, die man bei diesem raubeinig sich gebenden Mann nicht unbedingt erwarten würde. Er sang auch sein „Men’s Room in L.A.“, ein Lied über die Frage, ob man, auf einer öffentlichen Toilette sitzend und statt mit Toilettenpapier nur mit dem Zeitungsfoto des Nazareners ausgestattet, lieber seine Unterhose oder seine Seele retten soll.

Friedman, der mit „Sold American“ einen halben Radiohit hatte, verschliss sich auf endlosen Tourneen und nahm reichlich „bolivianisches Marschierpulver“, wie er seinen Konsum an Nasenata euphemistisch beschrieb. Die Doofendroge bekam auch ihm nicht. „Am Ende“, schrieb er später, „brauchte ich eine Trittleiter, um mich am Hintern kratzen zu können.“

Friedman hörte auf, ein Ex-Sänger im Dauerdschumm zu sein und wurde Kriminalschriftsteller. 1986 erschien „Greenwich Killing Time“, eine Offenbarung. Unglaublich lustig war das Buch, und der Autor, der die Hauptrolle einnahm und als eine Art moderner Sherlock Holmes durch New York stiefelte, war offensichtlich ein Einzelstück. Kinky Friedman zeigte sich taff, ohne blöde cool zu tun, er pfiff auf Konventionen, und er kannte die Menschen. Über Schauspieler schrieb er: „Ich hatte erfahren, dass in diesem Gewerbe Ehrlichkeit das Allerwichtigste war. Wenn man die heucheln konnte, dann konnte man auch fast alles andere.“

Ob das den Texanern, die ihn wählen sollen, gefällt? Werden sie die Sätze mögen, die Friedman in „Lone Star“, über den Volkssport Schusswaffengebrauch losließ: „Was für ein großartiger Sport, die Jagd. Wesen zu töten, die schöner sind als man selbst. Vögel zu schießen, die höher fliegen als die Träume. Viele Büffel zu töten. Ab und zu reinigt man seine Flinte und bläst sich versehentlich den Kopf vom Hals. Gut.“

Kinky Friedman hat etwas wirklich Seltenes: Er hat Humor – und weigert sich also, in den Schwachsinn zu torkeln und die Bewohner der Welt als das ernst zu nehmen, was sie so gern wären: furchtbar wichtig. In einer seiner Kolumnen im „Texas Monthly Magazine“ beschrieb er diese Haltung so: „Ich ziehe es vor zu bleiben, wie ich immer gewesen bin: in Selbstvergessenheit gut angepasst an eine zutiefst kranke Gesellschaft.“

Womit wieder Friedmans Kandidatur für das texanische Gouverneursamt ins Spiel kommt – eine Art Ausweitung der Kampfzone, für die Friedman aller schriftstellerischen Arbeit entsagte. In „Ten Little New Yorkers“, seinem 2005 in den USA erschienenen siebzehnten und bis auf weiteres letzten Krimi, beging er literarischen Selbstmord. Auch seine Kolumne stellte er ein und erklärte zum Abschied: „Mein Herausgeber und Freund Evan Smith zitierte das alte Oxymoron ,journalistische Integrität’ als Hauptgrund dafür, dass ich nicht als Gouverneur kandidieren und weiter für ,Texas Monthly’ schreiben kann. Falls die Kampagne scheitert, werde ich zurückkommen – aber es ist meine ernsthafte Hoffnung, dass der Verlust für das Magazin der Gewinn für den Staat sein wird.“

Für den Fall, dass er die Wahl tatsächlich gewinnen sollte, hat er versprochen, Willie Nelson zum Chef der Texas Rangers zu machen. Manchmal bringt Friedman den alten Musiker-Freund aber auch als Energieberater ins Gespräch, und sein palästinensischer Friseur soll israelischer Botschafter in Texas werden. Außer auf seinen Humor vertraut Friedman auf gewisse Übereinstimmungen zwischen ihm und seinen Wählern und stellt sich deshalb in die Tradition texanischer Helden: Wenn es ihm gelänge, im März zur Wahl zugelassen zu werden, wäre er der erste unabhängige Kandidat seit Sam Houston vor 146 Jahren. „Das wäre ein historisches Ereignis“, erklärte er in einem der vielen Interviews, die er derzeit gibt, auch in Europa, wo die Zahl seiner Sympathisanten womöglich größer ist als in Texas.

Doch Friedman gibt sich optimistisch und setzt auf das Verbindende des John- Wayne-Spirits. Ob die Wähler es goutieren werden? In Texas, dem Staat mit einem der USA-weit niedrigsten Bildungsniveaus und der höchsten Hinrichtungsquote? In einem Landstrich, der stoisch und stolz an der Regel festhält: Je dümmer, desto Todesstrafe? In dieser geheiligten Frage musste Friedman schon Konzessionen machen und nahm eine etwas schlingernde Position ein: „Ich bin nicht gegen die Todesstrafe, aber gegen die Hinrichtung Unschuldiger. Im Übrigen sollten Richter und Geschworene in Strafprozessen aus Prostituierten, Zuhältern, Barkeepern und Pförtnern schmieriger Hotels bestehen. Diese Leute wissen genau, wer schuldig ist und wer nicht.“

Auf seiner Visitenkarte steht: „Kinky Friedman is allowed to walk on the grounds unattended.“ Unbeobachtet und unbelästigt durch die Welt flanieren – ob er das als texanischer Gouverneur noch kann? „Ich werde jede Menge junger Leute ernennen“, lautet sein Vorsatz. „Lass die Jugend den Staat regieren, ich gehe auf Reisen.“ Wenn Kinky Friedman, die größte Ressource an Intelligenz und Menschlichkeit im Staate Texas, das so gerne möchte – why the hell not?

Wiglaf Droste lebt als Autor und Satiriker in Berlin. 2005 erhielt er den Annette- von-Droste-Hülshoff-Preis. Zuletzt erschien von ihm der Gedichtband „nutzt gar nichts, es ist Liebe“ (Reclam 2005).

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