Kultur : Nirgendwo ist Utopia

Frank Noack

findet Melodramen ganz schön brutal Das Weinen im Kino scheint nachzulassen. Was daran liegt, dass die Filme nüchterner geworden sind. Und politisch korrekter: Einige der packendsten Melodramen sind erzreaktionär. King Vidors Stella Dallas (1937) zum Beispiel plädiert dafür, prolligen Müttern das Sorgerecht für ihre Kinder abzuerkennen. Stella (Barbara Stanwyck) liebt ihre Tochter über alles, aber Stella feiert auch laut und trägt schrille Klamotten. Die Mutter erkennt spät ihre Fehler und verkuppelt das Kind mit der reichen Familie ihres Ex-Mannes. Am Ende beobachtet die verarmte Stella die Hochzeit der Tochter. Ein herzloser Film. Er sagt: Es ist richtig, dass ein feines Mädchen seine ordinäre Mutter im Regen stehen lässt. Vielleicht müssen Melodramen so sein. Man weint über ihre Illusionslosigkeit. (Mittwoch im Arsenal)

King Vidor war auch Spezialist für robuste Männerfilme. Kein Widerspruch: Auch in Melodramen geht es hart zu. Dieselbe Doppelbegabung zeichnete Robert Aldrich aus. Sein kultigster Film ist Rattennest (1955), nach Mickey Spillanes Roman „Kiss Me Deadly“. Trotz Aldrichs kühler Erzählhaltung lässt der Film nicht kalt. Es wird gefoltert, außerhalb des Bildes, so dass man sich die Gewalt vorstellen muss. Man weint nicht, aber man schüttelt sich. (Freitag im Filmkunsthaus Babylon) Noch mehr Schmerz gefällig? John Hillcoats Ghosts ... of the Civil Dead (1988) ist ein Underground-Klassiker des Gefängnisfilms. Keine Stimme der Vernunft, keine Stars (außer Nick Cave): Missstände im australischen Hochsicherheitsgefängnis werden aufgezeigt und keine Lösungen vorgeschlagen. Man leidet mit und weiß nicht weiter. (Freitag in den Hackeschen Höfen)

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