Kultur : Nix wie hin

Die Wasserweiber von Estland: ein verführerisches Handbuch

Olga Martynova

Einer der großen Verdienste der „Anderen Bibliothek“ ist die Wiederentdeckung von halb vergessenen Büchern: Czeslaw Miloszs „Tal der Issa“ oder Iwan Bunins Novellen. Auch „Die Nixen von Estland“ des 1936 geborenen estnischen Autors Enn Vetemaa erschienen schon einmal in deutscher Übersetzung 1985 bei Volk & Welt. Dank eines glücklichen Zufalls geriet diese Ausgabe in die Hände der jungen deutschen Künstlerin Kat Menschik. Ihre Begeisterung für die Nixenkunde drückt sich in Zeichnungen aus, deren Eleganz und Erfindungsreichtum den Text so selbstverständlich ergänzen, dass es unmöglich scheint, Bild und Wort noch einmal voneinander zu trennen.

Enn Vetemaa erfindet eine ganze Nixenwelt: Zahlreiche Arten, Gattungen und Untergattungen der Najaden weisen darauf hin, zu welcher Jahreszeit und mit welchem Gerät wissenschaftliche Ausflüge zwecks Feldforschung angebracht sind. Die unbekümmerte Fiktivität des Werks, das sie zum „Bestimmungsbuch“ stilisiert hat, ermüdet nicht, obwohl das Bauprinzip schnell klar wird. Der Leser, der sich hier mit den Grundlagen einer neuen Naturkunde bekannt macht, kann gedankenlos in der dämonischen Welt faszinierender Wasserschönheiten schwelgen. Von Bildern einer kinderlieben Nackttitte (Nudimamillaris paidiphia) oder einer Nackttittigen Wuchtbrumme (Nudimamillaris gigantea), einer Minilesbischen Heulsuse (Lamentosa minilesbica) oder einer Trällernden Nymphomanin (Calliphonica nymphomanica) lässt er sich gerne zu lyrischen Träumen verführen. Geschichten über die Beziehungen zwischen Menschen und Nixen, quasi-wissenschaftliche Berichte und pseudo-folkloristische Exkurse verführen zu einem Taufgang ins parallele Universum. Und das ist gut so: Die Verführung von Menschen, so Vetemaa, ist der Lebenszweck des Wasservölkchens.

Nixen unterscheidet vorteilhaft von Menschen und Tieren, dass ihre Verführung eine zwecklose Kunst ist: „Richten wir unser Augenmerk auf den Umstand, dass zwar bei den Tieren eine Verführung unzweideutig den Zweck verfolgt, zur Paarung aufzufordern, den Menschen aber vor allem sein Streben nach Ruhm und Reichtum antreibt. Da die Nixen nicht nach Ansehen streben, nicht von Geld träumen und schon deshalb nicht unter die Haube drängen, weil sie sich nicht auf geschlechtliche Weise vermehren, so ist der Sinn verführerischer Posen bei den Nixen im Vergleich zu den Menschen und Tieren absolut frei von Utilitarismus; Nixen streben nie nach Nutzen.“

So wecken „Die Nixen von Estland“ bei Männern unstillbare Sehnsüchte, und Frauen freuen sich über die Beschreibung schöner Nixenarten, die als Anleitung zur Verfeinerung der eigenen Verführungskünste dienen können.

Die Nixen von Estland. Ein Bestimmungsbuch. Frei nach Enn Vetemaa bearbeitet und illustriert von Kat Menschik. Nach dem russischen Übersetzungsmanuskript übertragen von Günter Jäniche. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2002, 336 S., 29,50 €.

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