Kultur : Nixons Zuckungen, eine Kulturgeschichte des Marihuana von Ron Mann

Frank Noack

Jetzt wissen wir es endlich: Wer Marihuana bekämpft, ist ein Rassist. Denn die ersten Kampagnen gegen dieses umstrittene Genussmittel waren ein Vorwand konservativer weißer US-Bürger, gegen mexikanische Fremdarbeiter vorzugehen. Spätere Kampagnen richteten sich gegen schwarze Musiker, deren Klänge unsittliche Bewegungen auslösten. In den fünfziger Jahren hieß es, Rotchina würde Marihuana einsetzen, um die nationale Sicherheit der USA zu gefährden. In den ebenso lächerlichen wie furchterregenden Aufklärungsfilmen, die Ron Mann für seine Dokumentation "Grass" zusammen getragen hat, sehen die Marihuana-Konsumenten immer gleich aus: Latinos, Schwarze, rauchende Frauen, Männer mit Pomade im Haar, in den sechziger Jahren dann Langhaarige und Brillenträger.

Nicht zufällig war es ein italienischstämmiger Politiker, New Yorks Bürgermeister Fiorello La Guardia, der sich als erster gegen die Dämonisierung dieser leichten Droge aussprach. In den 30er Jahren beauftragte er Wissenschaftler, den Einfluss von Marihuana auf die kriminelle Energie und den Sexualtrieb nachzuweisen. Er ließ sich nicht nachweisen. Aber niemand wollte es hören.

"Grass" ist ein vorzügliches und unterhaltsames Dokument des amerikanischen Irrationalismus. Für die stärksten Lacher sorgt Ronald Reagan - ausgerechnet er warnt vor Marihuana, weil es Gehirnschwund bewirke. Auch der Anti-Marihuana-Aktivist Richard Nixon führt in einer wenig schmeichelhaften Großaufnahme Zuckungen vor, die ihn ziemlich zugekifft aussehen lassen. Manchmal wird Ron Manns Film zu redundant. Die Argumente für und wider leichte Drogen haben sich im Laufe des Jahrhunderts nicht wesentlich geändert, dennoch führt Mann sie minutiös auf. Und er ist zu parteiisch, wenn es um die Drogenexzesse der späten sechziger und siebziger Jahre geht. Es lässt sich nicht leugnen, dass einige der viel versprechendsten Talente jener Jahre durch Drogen aus der Bahn geworfen wurden. Die religiöse Rechte, die unter Reagan und Bush wieder an Boden gewann, konnte sich bei ihren Anti-Drogen-Kampagnen auf Fakten stützen. Ihrer Verteufelung aller Drogen setzt Mann die Verherrlichung entgegen.Heute, 17 Uhr (CinemaxX 7), morgen, 17.45 Uhr, 12.2., 20.15 Uhr, 13.2., 22.45 Uhr

(alles CinemaxX 8)

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