Kultur : No logo? Na logo!

Handarbeit statt Massenware: Weil sie keine Jobs finden, gründen Designer ihre eigenen Läden

Anne Mareile Moschinski

Es ist eine Sache, geboren zu werden, da ist man eben auf der Welt, eine ganz andere ist es, seine Existenz zu gründen. Einstiegsgeld, Überbrückungsgeld, Existenzgründungszuschuss – man muss sich auskennen, wenn das Dasein Existenz werden soll. Das reicht dann für ein paar Monatsmieten und eine gute Idee, wie sieben Berliner Designer zeigen. Nach abgeschlossenem Studium fanden die meisten von ihnen keine feste Anstellung, es drohte der Abstieg zur Sozialstaatsleiche. Doch statt zu resignieren, setzten sie der wirtschaftlichen Rezession ihren künstlerischen Instinkt entgegen. Sie machten eigene Läden auf, um Gegenstände und Gebrauchsartikel zu verkaufen, deren Sinn sich vielleicht nicht sofort erschließt, die aber wenigstens nirgendwo sonst zu finden sind. Design aus Handarbeit statt industriell produzierter Massenware, das erfreut sich wachsender Beliebtheit, seit Naomi Klein mit ihrer Streitschrift „No Logo“ die Bibel des globalen Warenverkehrs geschrieben hat.

Zwischen den Kneipen und Bars fällt das kleine Schaufenster von „Liike Design“ in Friedrichshain (Kopernikusstr. 8) sofort auf. Einzig ein schlichtes Regal aus Aluminium steht darin und dient als Ausstellungsfläche für Getränkeflaschen ebenfalls aus Aluminium und Handtuchhalter aus Plastik. Gleich neben dem Eingang wachsen künstliche Blumen, bestehend aus Fotografien von Blüten, auf grellgrünem Kunstrasen, Plastikringe mit den Schriftzügen „Schmuck“ oder „Brillant“ liegen etwas weiter hinten in Vitrinen. Wohin man auch blickt, überall präsentiert sich zeitloses, reduziertes Design, das um die Zeichenhaftigkeit der postmodernen Weltwahrnehmung weiß.

Vor zwei Jahren hat die Berlinerin Ulrike Sauer den Laden ins Leben gerufen, weil es damals kaum Festanstellungen für studierte Medienberater wie sie gab. Doch unkonventionellen Schmuck – Ringe, Ketten, Armbänder –, hat sie immer schon gerne entworfen. Die Herstellung von Postkarten und Buttons mit skurrilen Motiven, bedruckten T-Shirts und Portemonnaies hat sie sich selbst beigebracht. Was sonst noch in dem kleinen Geschäft zu haben ist, stammt von befreundeten Designern. In manchen Monaten falle es ihr schwer, finanziell über die Runden zu kommen, sagt sie. Doch ans Aufgeben denkt Ulrike Sauer nicht.

Ein paar Straßen weiter sitzen Margit Fellerer und Melanie Waage an Laptop und Nähmaschine. Die eine ist Grafikdesignerin, die andere entwirft Kleider. Vor einem Jahr haben sie in Friedrichshain ihren „Pury“-Store gegründet, hier (Niederbarnimstr. 13) nähen und verkaufen sie Hosen und Jacken, Designbücher und bedruckte Taschen. Von diversen Praktika nach dem Studium hatten die beiden irgendwann genug – aus diesem Überdruss ist eine schlicht-unkonventionelle Kollektion aus Lampenschirmen, Sweatshirts, T- Shirts, Taschen, die man sich um die Hüfte schnallt, sowie Hot Pants, also ziemlich scharfen kurzen Höschen, hervorgegangen. Die sind mit selbst entworfenen Gebäudemotiven, asiatischen Drachen oder so genannten „Fellies“ bedruckt. Das sind Tierchen, die entfernt an Hasen erinnern und eine Art Feuerstrahl aus dem Hintern schießen.

Doch die Anfänge des sich immer weiter verbreitenden Hand-made-Designs liegen in Prenzlauer Berg. Dort vermietet Sebastian Mücke auf 43 Quadratmetern Regalfächer an Künstler, Designer und solche, die es werden wollen. „Luxus International“ ist ein als Ramschladen getarnter Self-made-Shop der ersten Stunde (Kastanienallee 101). So sieht es jedenfalls sein Gründer, der vor drei Jahren damit begann, Menschen, die sich in der Herstellung eigentümlicher Alltagsasseçoires verwirklichen, ein professionelles Forum zu bieten. Er wollte die Independent-Kultur aus ihrem Schattendasein befreien. „Die Leute reagierten in den ersten Monaten vollkommen irritiert auf die handgearbeiteten Objekte in meinem Laden“, erzählt Mücke. „Heute wundert sich niemand mehr.“ Ob häkelnde Hausfrau oder studierter Modemacher – Hauptsache, die Produkte fallen aus der Reihe. So liegen hier grelle Leuchtstecker mit Brandenburger-Tor-Motiv neben Portemonnaies aus alten Lebensmittelverpackungen.

Eine ähnliche Vision hatten die beiden Schwestern Jennifer und Melanie Nölken: Sie wollten vollkommen normale Menschen zur Kunst bringen. In ihrer „Kunstschule“ in Prenzlauer Berg (Hufelandstr. 13) bieten die beiden Architektinnen Kunstkurse an, stellen im Ladenraum nebenan die Ergebnisse aus, verkaufen industriell produzierte Möbel und von Hand gefertigte Unikate. Auf den zum Verkauf ausgestellten Sesseln und Stühlen kann man Kaffee trinken und die hauseigene Bibliothek studieren. Nach ihrem Studium und einem gemeinsam finanzierten und letztlich unrentablen Architekturbüro hatten die beiden zu viele Ideen, um diese anderen Geldgebern zu überlassen. In der „Kunstschule“ haben sie nun alle realisiert. Das Credo: Kunst und Design soll das Elitäre genommen werden.

Das will auch die gebürtige Ostfriesin Elle Janssen. Nach ihrem Design-Studium in der Hauptstadt und einem gescheiterten Grafik-Büro, das sie zusammen mit Freunden führte, sattelte sie um und konzentrierte sich aufs Schneidern von Röcken, Oberteilen und Mänteln. In ihrem winzigen Prenzlauer-Berg-Geschäft „Hit-In. TV“ (Oderberger Str. 37) verkauft sie nur, was sie auch selbst hergestellt hat. Nähmaschine und Bügelbrett stehen hinter der Ladentheke, alte Stoffreste liegen auf dem Boden. „Zu mir kommen Leute, die keine Zeit haben, um Klamotten zu nähen oder es einfach nicht können. Die suchen nach etwas Individuellem, um sich von der Masse abzuheben“, sagt sie. Vorstellen kann sie es sich heute nicht mehr, fest angestellt zu sein oder hundert Pullis wie am Fließband zu produzieren, alle in derselben Farbe.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben