Kultur : No Sex, please

„Star Trek: Nemesis“ – Raumschiff Enterprise auf finaler Mission

Ralph Geisenhanslüke

Der Weltraum – unendliche Weiten. Seit fast 40 Jahren stehen diese vier Wörter für folgende Eröffnung: Lichtpunkte fliegen auf die Kamera zu, Blechbläser stimmen die Erkennungsmelodie an, das Raumschiff saust durchs Bild. Danach stehen die Koordinaten fest: Die Enterprise nähert sich einer randständigen Zivilisation, bemerkt auf deren Planeten ungewöhnliche Vorgänge, beamt herunter – und schon geht der Schlamassel los: Probleme, die die Zukunft der Menschheit, wenn nicht des Universums in Frage stellen.

Science-Fiction und Tradition haben viel gemeinsam – das beweisen die wechselnden Besatzungen der Enterprise, die mit ihren hautengen Kostümen angesichts der raschen Modewechsel im digital animierten Weltraum mittlerweile wirken wie eine intergalaktische Trachtengruppe. Aber das hat auch sein Gutes: Es gab stets feste Regeln auf der Enterprise. Zum Beispiel: Konflikte werden möglichst gewaltfrei gelöst. Man begegnet fremden Kulturen aufgeschlossen. Und: keine Sexszenen.

Mit diesen Prinzipien bricht „Star Trek: Nemesis“. Zugegeben: die Beiwohnung zwischen Officer William T. Riker (Jonathan Frakes) und Counsellor Deanna Troi (Marina Sirtis) findet im Rahmen eines geregelten Ehelebens statt und wird nach guter puritanischer Sitte auch nur mit angeschnittenen Oberkörpern gezeigt. Aber in der High-Tech-Welt dieses Raumschiffs markiert das einen Distanzverlust. Noch deutlicher allerdings verstößt das Drehbuch gegen die friedfertige Mission: In einer Szene eilt die Mannschaft begeistert zu den Waffenschränken, als wär’s ein billiger Western. Dann wird geballert, bis die Phaser glühen. Die Enterprise ging schon durch viele Regie- und Drehbuch-Hände. Jedes Kind weiß, wie die Brücke wackelt, wenn die Schutzschilde im kritischen Bereich arbeiten. Schon traurig, was die alte Fregatte in ihrem zehnten Kinoabenteuer alles mitmachen muss. Zum Dank wird sie auch noch schrottreif geflogen.

Trotzdem soll Patrick Steward, der den Captain spielt, beim Dreh der Schluss-Szene geweint haben: Die Crew stößt darin mit einem Glas „Château Picard“(!) an. Die Mannschaft soll fortan getrennte Weg gehen. Ob das nun das Ende der „Star-Trek“-Serie im Kino bedeutet, werden wohl die Einspielergebnisse bestimmen. Einen Commander wie Jean Luc Picard jedenfalls wird es so schnell nicht wieder geben – einen Mann, der im Weltall Shakespeare zitiert, ein edelmütiger Verteidiger humanistischer Ideale.

Bevor aber Picard und die Seinen die Gläser erheben, müssen sie das Böse verscheuchen. Und siehe: Das Böse hat die Gestalt von Picard. Er wurde geklont. Auch Data spukt als Doublette durch die Korridore. Damit hat Star Trek mal wieder eine aktuelle Debatte in die Zukunft projiziert. Denn der Böse wurde ursprünglich als Waffe gezüchtet – und dann vergessen. Der Böse gibt sich zunächst friedfertig, um die Enterprisler dann in eine Falle zu locken. Solche Heimtücke rechtfertigt drakonische Maßnahmen. Das Geschmacksempfinden wird dabei gleich mit eliminiert.

Nemesis ist die griechische Göttin für das rechte Maß, aber auch die Rachegöttin. Doch so sehr die düstere Story des Drehbuchautors John Logan („Gladiator“) sich mit ambitionierten Themen und selbstreferentiellen Witzchen schmückt – am Ende ist alles Schlacht. Star Trek goes Star Wars. Die Zukunft im Kino sah lange nicht mehr so gestrig aus.

In 23 Berliner Kinos; OV im Cinemaxx Potsdamer Platz und Cinestar Sony Center .

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