Kultur : Nobelpreis: An der Biegung der Welt

Jan Schulz-Ojala

Nobelpreisverdächtig war er schon fast seit Menschengedenken: Vidiadhar ("Spender der Weisheit") Surajprasad ("Geschenk an die Sonne") Naipaul, kurz V. S. Naipaul, 1932 in Trinidad geboren und in Jahrzehnten zum weitgereisten, weltläufigen Weltschriftsteller gereift. Schon im Klappentext der 1983 erschienenen deutschen Ausgabe eines seiner erfolgreichsten Romane, "An der Biegung des großen Flusses" steckte jenes Preis-Etikett; lustvolle Rechercheure dürften auf weitaus frühere Ausrufungen seiner Kandidatur für den höchsten Literatur-Lorbeer stoßen. So gesehen, ist es nicht ohne hübschen Sarkasmus, wenn Naipaul gestern aus der Einsiedelei seines Elf-Häuser-Weilers im britischen Wiltshire verlauten ließ: "Eine unerwartete Anerkennung."

Endlich!, werden seine weltweiten Fans rufen. Verständlich!, werden kühlere Beobachter des universalen Literaturbetriebs urteilen. Auch wenn viele ihn angesichts des mittlerweile ewigen Wartestands schon gar nicht mehr auf der Liste hatten - dies Jahr musste das Jahr des V. S. Naipaul sein. Geboren in der Karibik, mit asiatischen Wurzeln, seit 50 Jahren in Großbritannien lebend, hat er sich als genau beobachtender Dauer-Reisender, als streitbar argumentierender Mittler zwischen der Dritten und der Ersten Welt, ja, als eine Art Weltgewissen gerade in Zeiten weltkrisenhafter Zuspitzungen für den Nobelpreis empfohlen. Seine über 20 Bücher, zwar meist im Autobiografischen verankert, funktionieren durchaus als Gebrauchsanweisung zum Weltverständnis - in diesen Tagen und Wochen ganz besonders.

Er hat über die unruhigen Welten der Mittelamerikas, Afrikas und Indiens geschrieben - und zweimal, 1981 ("Among believers", deutsch: "Eine islamische Reise") und 1998 ("Beyond Belief") explizit über den Islam. Zweimal reiste er durch Indonesien, Iran, Pakistan und Malaysia - ein Jahrzehntevergleich. Sein Befund über den islamischen Fundamentalismus dürfte für jene im Westen, die heute vor dem ideologischen Begriff vom "Kampf der Kulturen" warnen, ebenso unbequem sein wie für die Islamisten. Naipaul schreibt, und das dürfte den heiligen Kriegern beider Seiten zupass kommen, eines der Prinzipien des Islam sei der Kriegszustand vor allem mit dem kapitalistischen Westen, der seine Augen nicht nach Mekka richte. Er mahnt aber auch die Fundamentalisten in den islamischen Ländern selbst, sie sollten bei allem demonstriertem Glauben nicht ihre eigenen ungläubigen Handlungen vergessen - und hält ihnen damit die Augen offen für jene Widersprüche, denen sie beim zwangsläufigen Weg in die Moderne ausgesetzt sind.

V. S. Naipaul aber ist alles andere als ein verkappter Leitartikler, auch wenn sein literarischer Weg ihn in den letzten zwei Jahrzehnten überwiegend in eine profunde, plastische, dialogreiche Reiseschriftstellerei geführt hat. Er hat nur ein großes Ich, das aus kleinsten Verhältnissen in Trinidad stammt (geboren ist er nicht einmal in der Hauptstadt Port-of-Spain, sondern im Nest Chaguanas als Spross einer indischen Kontraktarbeiter-Einwandererfamilie), und er hat es auf eine mitunter etwas feierlich geratene Reise ins Älterwerden mitgenommen. Lieben, wenn das Wort erlaubt ist, dürften ihn die Leser vor allem wegen jener frühen Bücher, die in seiner tropischen Heimat spielen. Und wegen der späteren autobiografischen Romane "Das Rätsel der Ankunft" (1987) und "Ein Weg in die Welt" (1994), in denen er seine schwierigen Anfänge als gerade achtzehnjähriger Migrant und Außenseiter in London in seiner so unverwechselbar schlackenlos-konkreten Sprache aufleuchten lässt. Die ausdrückliche Abwendung vom Fiktiven aber und die Hinwendung zu den Reisebüchern hat ihm eher jene Achtung eingebracht, die man nicht genialischen Erfindern, sondern literarischen Chronisten entgegenbringt. Er selbst kommentierte den literarischen "Verrat" einmal mit der sibyllinischen Bemerkung: "I always write narratives".

Sein alles überstrahlendes Buch schrieb er schon mit knapp Dreißig, 1961 - und es rechtfertigt allein schon den Nobelpreis, gerade so wie vor zwei Jahren "Die Blechtrommel" für Günter Grass. Es war, nach einer Reihe humoristischer Erzählungen aus dem karibischen Großfamilien-Mikrokosmos, sein zweiter Roman: "Ein Haus für Mr. Biswas". Naipaul setzte in diesem Epos seinem gescheiterten Vater ein Denkmal, einem Lokaljournalisten beim "Trinidad Sentinel", der schriftstellerisch dilettierte und im Sohn - und dessen früh gestorbenem Bruder Shiva - die Sehnsucht nach der Selbstverwirlichung mittels Schreiben einpflanzte. "Mr. Biswas" ist ein Buch wie ein tropisches Gewitter - und ein Gewittersturm ist es auch, der das halbfertige Haus des von den Ansprüchen seiner Schwiegerfamilie erdrückten, hoch verschuldeten Biswas in einer kurzen Dämmerung in der Luft zerfetzt. Bewegend schildert Naipaul den folgenden Niedergang jenes Biswas - Naipaul senior endete im Wahnsinn. Danach hat Naipaul nie wieder jene wuchtige erzählerische Kraft erlangt wie in diesem Buch gewordenen Zeugnis einer Sohnesliebe. Nie wieder hat er sie irgendwo angelegt und, so lässt sich aus heutiger Perspektive hinzufügen, auch angestrebt - in einem Gesamtwerk, das nicht auf Überwältung, sondern auf Überzeugung aus sein will.

Immer wieder aber hat man Naipaul gedrängt, doch wieder einen "richtigen" Roman zu schreiben, und es wird ihm mit den Jahren lästig geworden sein. Schon in einem "Spiegel"-Interview von 1993 hat er sich bewusst auf die "ruhige" Position "als Beobachter, als Analytiker" zurückgezogen und, nach mittlerweile 22 Büchern, darauf hingewiesen, sein Teil geleistet zu haben - "ein großes und gutes Werk". Aus jenem britisch-ländlichen Ruhesitz, von dem aus er ebenso Distanz zu den Nachbarn hält wie neugierig bleibt auf die Welt, riss ihn ein paar Jahre später freilich eine arge Gossip-Posse heraus, in die ihn ausgerechnet sein uralter Lebens- und Schreibefreund Paul Theroux verwickelt hatte. Der, verärgert darüber, ein Naipaul handschriftlich gewidmetes eigenes Werk auf dem Flohmarkt wiederzufinden (Naipauls zweite Frau hatte es zuvor aussortiert), brach einen öffentlichen Krach vom Zaun, den die Feuilletons reichlich indigniert zur Kenntnis nahmen. Sagen wir heute, angesichts des hohen Anlasses und in Erfüllung der Chronistenpflicht: Die beiden schlugen sich alte (Ehe-)Frauengeschichten um die Ohren.

Auch Naipauls neuestes Buch "Ein halbes Leben (der Claassen Verlag will die deutsche Veröffentlichung jetzt um einige Wochen auf Dezember vorziehen; ebenso soll das Islam-Buch "Beyond Belief" nun schnell auf deutsch erscheinen) ist, wenn man dem "Guardian" Glauben schenken darf, keineswegs nobelpreiswürdig. Naipaul hat darin den allseitigen Wunsch nach einem echten Roman doch noch erfüllt. Allerdings ist ihm die fiktive Autobiographie des William Somerset Chandram offenbar zur galligen Farce geraten. Kurz zuvor jedenfalls hatte er sich bereits in einem übellaunigen Aufsatz unter anderem an Maugham, Dickens, Stendhal und dem nigerianischen Nobelpreisträger Wole Soyinka ausgelassen. Der harsche "Guardian"-Befund: reif für den Papierkorb, wenn nicht V. S. Naipaul draufstehen würde.

Macht nichts. Alles Alterssachen. Zeit, wieder mal Mr. Biswas zu besuchen, in seinem Haus ohne Dach auf dem Grund der Welt. Wer da war, kommt nie wieder ganz zurück. Aber gerade so soll es beim Lesen ja sein.

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