Nobelpreis-Dankesrede : Schreiben aus "kulturellem Mangelgefühl"

Mit einer literarischen Liebeserklärung an seinen Vater hat sich der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk für die Zuerkennung des Nobelpreises bedankt. Und er ließ - wie versprochen - das Politische außen vor.

Stockholm - In der traditionellen "Nobelvorlesung" im alten Stockholmer Börsensaal - drei Tage vor der Verleihung durch Schwedens König Carl XVI. Gustaf - hielt sich Pamuk (54) dabei an seine Ankündigung, unter keinen Umständen politische Erklärungen abzugeben. Während der englische Dramatiker Harold Pinter (76) im letzten Jahr die Nobelvorlesung für eine geradezu donnernde Brandrede gegen die Irak-Politik der USA und seines Landes nutzte, trug Pamuk auf Türkisch stille Überlegungen zu den Motiven für sein Schreiben als "innerer Einkehr" vor.

Der Vater, notorisch erfolgloser Geschäftsmann mit Freude am Leben, habe dem Sohn und schon international angesehenen Schriftsteller zwei Jahre vor seinem Tod 2002 "leicht verlegen" einen Koffer voller eigener Schreibversuchen ins Zimmer gestellt, berichtete Pamuk. Er schilderte seine zögernde, ängstliche Annäherung an diese über Jahrzehnte gefüllten und nie veröffentlichten Hefte, verbunden mit der Frage, was denn nun den Schriftsteller ausmache, zu dem sein Vater trotz des starken Wunsches in jungen Jahren nie geworden sei.

"Schriftsteller zu sein bedeutet für mich, dass man in sich selbst eine zweite, verborgene Persönlichkeit entdeckt und in jahrelanger geduldiger Mühe diese und ihr Umfeld sich herausschälen lässt", sagte Pamuk. Das Geheimnis des Schreibens liege für ihn nicht in einer von irgendwoher kommenden Inspiration, sondern in Hartnäckigkeit und Geduld am Schreibtisch in einer einsamen Kammer. Und all das für ein wichtiges Ziel: "Literatur ist für mich das Wertvollste, was der Mensch geschaffen hat, um sich selbst zu verstehen." Der Vater habe sich um des Schreibens willen aber nicht "zu kasteien gedacht". "Er liebte das Leben in all sein Schönheit." Schriftsteller müssten jedoch von "Bedrücktheit" geprägt sein.

Drang nach Westen

Pamuk hielt seine Zuhörer im Börsensaal bis zum Ende der Vorlesung im Ungewissen, ob seine Angst vor der späten Entdeckung des Vaters als richtig schlechtem Autor sich am Ende bewahrheitete. Auf dem Weg zur Auflösung berichtete der erste türkische Träger des mit 1,1 Millionen Euro (10 Millionen Kronen) dotierten Literaturnobelpreises vom Vater und Sohn verbindenden "kulturellen Mangelgefühl" in ihrer Heimatstadt: "Nicht nur das Lesen, auch das Schreiben stellte eine Methode dar, um aus unserem Istanbuler Leben in den Westen zu gelangen."

In dieser Passage bekannte Pamuk sehr eindeutig, dass die Türkei für ihn literarisch stets "Provinz" mit entsprechenden Minderwertigkeitsgefühlen war, in der ein Autor auch nie etwas gelten konnte. Die Beschreibung von Konsequenzen aus der für ihn unzweideutigen kulturellen Überlegenheit des Westens fiel dann zumindest indirekt politisch aus: "In der außerwestlichen Welt (...) können wir immer wieder beobachten, dass die Empfindlichkeit von Menschenmassen und ganzen Völkerschaften sich in Befürchtungen niederschlägt, die an Dummheit grenzen." In der westlichen Welt führten Reichtum und und der Stolz auf die eigene kulturelle Entwicklung bisweilen dazu, "dass man sich mit ähnlicher Einfalt zu viel auf sich selbst einbildet."

Zum Schriftsteller ermutigt

Sein Vater habe ihn im Gegensatz zur Mutter stets ermutigt, Schriftsteller zu werden und seine "Persönlichkeit geachtet". Am Ende der Vorlesung berichtete Pamuk, wie der Vater eine Woche nach der Ablieferung des Koffers sehr schnell ohne Worte erfasst habe, dass sein berühmter Schriftstellersohn die abgelieferten Texte schlecht fand. Danach: "Mein Vater war ein glücklicher Mensch voller Selbstvertrauen und tat somit, was er immer tat: Er lachte."

Umgekehrt erinnerte sich der Sohn, wie der Vater zwanzig Jahre vorher nach Lektüre des ersten Romanmanuskriptes von Orhan diesen ebenfalls zunächst wortlos in den Arm genommen habe. "Er sagte dann, eines Tages würde ich bestimmt jenen Preis gewinnen, den ich jetzt hier mit großer Freude in Empfang nehmen will." Das habe der Vater aber nur so gesagt, wie man in der Türkei zu Söhnen immer gesagt habe: Junge, aus dir wird mal ein General. Pamuk schloss seine Vorlesung mit dem Satz: "Ich hätte sehr gewollt, dass mein Vater heute unter uns wäre." (Von Thomas Borchert, dpa)

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