Kultur : Noch eine Sammlung für Berlin Obszön sind die Anderen

Neubau des Museums Scharf-Gerstenberg Eine Ode an Charlotte Roches Roman „Feuchtgebiete“ / Von Cora Frost

Bernhard Schulz

Das Museumsquartier Charlottenburg, gebeutelt durch den Wegzug des Ägyptischen Museums, gewinnt mittlerweile immer deutlicher Konturen als ein Zentrum französischer und französisch inspirierter Kunst. Am 10. Juli eröffnet die Sammlung Scharf-Gerstenberg mit Werken surrealistischer Kunst im östlichen Stüler-Bau in einem Um- und Anbau, der, noch unvollendet, jetzt ersten Blicken offenstand. Dem Architekt Gregor Sunder-Plassmann als Sieger des Architekturwettbewerbs gelingt es, das historische Ensemble mit dem vormaligen Heim Nofretetes mit unsichtbarer Haustechnik zu ertüchtigen und zugleich auf seine ursprüngliche Gestalt zurückzuführen. Publikumsmagnet wird das Café am neugestalteten Hof zur Schlossstraße hin werden, untergebracht in einem luftigen Glasbau, der trotz unmittelbarer Nachbarschaft dem klassizistischen Kasernenbau Friedrich August Stülers sein volles Recht lässt. Dem Architekten war diese städtebauliche Aufwertung wichtig, und so fand denn auch seine Idee der gläsernen Halle Gefallen, die ursprünglich nicht gefordert war. Der Glasbau verdeckt den steinernen Block mit dem Sahure-Tempel, der, wie auch das Kalabsha-Tor am Eingang zum Marstall hinter dem Stüler-Bau, erst nach der Generalsanierung des Pergamon-Museums auf die Museumsinsel verlagert werden kann.

Spannend wird der Kontrast des auch im Inneren auf seine ursprüngliche Noblesse zurückgeführten östlichen Bauwerks mit seinem nachkriegsmodernisierten Pendant auf der anderen Straßenseite, der heutigen Sammlung Berggruen. „Gegenüber haben wir die helle arkadische Tagseite“, schwärmte Generaldirektor Peter-Klaus Schuster, der der letzten Museumseröffnung seiner im Oktober endenden Amtszeit entgegensieht, „hier haben wir das andere. Dunkle Obsessionen brauchen dunkle Museen“. Nun, so „obsessiv“ ist die Kunst der als Dauerleihgabe den Staatlichen Museen übergebenen Sammlung mit ihren Arbeiten von Dalí, Max Ernst, René Magritte auch wieder nicht – sie ist nur lichtempfindlich. So wird der einstige Marstall künftig ohne Tageslicht bleiben.

Nur zehn Millionen Euro standen für das Bauvorhaben zur Verfügung. Doch ein zweiter Bauabschnitt ist – wie übrigens auch für das Museum Berggruen – bereits in Planung. Da soll dann auch eine mitarbeiterfreundliche Lösung für den Transport der Kunstwerke ins Obergeschoss-Depot her: Zunächst nämlich müssen die Kuratoren über eine steile Treppe steigen. Die aber besitzt Denkmalswert. Bernhard Schulz

Was glimmt da noch und glüht, so lange nach dem Erscheinen deines Buches? Was treibt die Seelen nur, die deine „Feuchtgebiete“ lesen? Charlotte, was hast du uns mit Helen Mehmel, deiner Hauptfigur, nur angetan? Oder bist du das selbst, Charlotte, wie ich dir schon zu Viva-Zeiten in die schwarz glühenden Augen schaute? Oh Gott, wirst du mir gleich die Arschritze auslecken und die Nase tief in mich bohren? Du hast während deiner Interviews schon immer so eigenartig mit dem Mikro gezuckt, ich wusste, da ist etwas mit uns! Wie wär’s, mein Kind, mein Engel, wir trinken nach einem Besuch im Puff ein plüschiges Bierchen zusammen am Tresen?

Oder bist du ein traumatisiertes Bündel? Bist du Weintrauben voller Tränen? Dann lass mich dein Erlöser sein! Hast du alles eiskalt geplant und das große Hexeneinmaleins aufgesagt und sämtliche Zutaten in deinen Topf geworfen: Hämorrhoiden, Klobrillen, Smegma, Furz- und Schweißgerüche, Pilze, Schimmel, Blut und Binden, Extremwimpernkosmetik, Muschigucken, Analfissuren, Selbstverstümmelung, Popel, Spucke, Kotze, Tampons und Totalrasur. Spreiz die Schenkel und wasch dich nicht, geh ohne Höschen und mit offener Wunde durch die Stadt, versaute Jungfrau. Ich sehe, wie du das alles unter Gekicher und Gepruste abgearbeitet hast und als Catwoman mit wackelndem Arsch über die Dächer der Stadt läufst, miau. Hinter dir ein niedlicher, Geld scheißender Esel und drunten in den Straßen der Stadt alle mit deinem pinkfarbenen Buch in der Hand, und du heulst nochmal den Mond an, miau, und lachst höhnisch, du Luder!

Oder bist du eine zarte Dichterin, die ihre Verletzlichkeit versteckt und aus dem groben Unrat hübsche Beobachtungen sprießen lässt wie Frühlingsblumen, Beobachtungen über Krankenzimmermobiliar und Putzfrauen, die auf dem Boden ihre Achten schwingen? Oder bist du eine Lügnerin, die satanische Verse für Literaturkritiker schreibt und sie anstarrst durch dein blutiges Fleischarschauge, in das du dir genussvoll einen Avocadokern einführst.

Wozu haben wir uns jahrelang die Zähne geseidelt wie Pretty Woman, vor und nach der Arbeit, uns gewaschen und bemüht, nicht zu schwitzen beim Sex, die Beine geschlossen zu halten beim Sitzen, den Schwanz ordentlich zur Seite gelegt. Wozu haben wir den Müll getrennt und uns bemüht, keinen Fleck zu hinterlassen. Über derlei sprechen durften nur besoffene Männer. Übers Zigarettenrauchen mit der Muschi oder Bananenweitschießen, wie das bekanntlich ausländische Prostituierte mit echter Leidenschaft betreiben. Die deutsche Frau schießt keine Bananen mit ihrer Möse!

Früher waren die Welten klar getrennt, hier Blümchensex, dort Sadomaso, Wasserspiele, Fesselungen, Sex mit Schwangeren. Alles hatte seine Ordnung. Und jetzt – umsonst. Die Schleusen sind offen. Wohin das führt? Direkt in die Hölle! Man spricht nicht umsonst von „da unten“. Wenn man alles riechen könnte, wäre das wie einst in Prag, als die Kellner noch ihr Originalduft umwehte. Damals konnte ich, wenn einer gut nach sich gerochen hatte, nicht mal in Ruhe einen Café bestellen. Doch heute regiert König Deo die Tschechei, erst das Deodorant macht Demokratie möglich.

Helen Mehmel, die Besessene, isst sich selber auf, weil sonst nichts los ist. Aber so ein bisschen Muschischleim hat noch niemandem geschadet. Was also soll das Geschrei, was bedeutet es für die Sexualität der Frau? Nichts. nichts mehr. Der Vorsprung der Männer ist unaufholbar, selbst wenn jedes Weib sofort versauten Kram hinschreiben würde. Puh, I came all over her face, sagen schon seit Generationen die Jungs, und alle denken: prima prima lecker. Oder ein Film wie „Edward mit den Penishänden“, gezogen aus dem Pornoautomaten in einem Hotel in Gaggenau. Ein junger hübscher Mann besitzt außer seinem Hauptschwanz noch zehn Penisse anstelle seiner Finger. Würde sich die Welt über „Gabi mit den Muschihänden“ genauso freuen? Nö, aber ruhig raus damit, meine Damen, ruhig raus damit. Obszön sind immer die anderen.

Oh heilige Charlotte, Schwester der stets duftenden, haarigen Patti Smith, die, während sie dichtet, immer onaniert, wer bist du? Du, der du dieses Buch geschrieben hast, von dem alle sagen, es sei kein Roman, es sei keine Literatur, es stinkt. Bist du Peter Pan und die Fee Tinkerbell zugleich, die fragt Kann ich mal deine Muschi sehen? Bist du wie Dr. Sommer, der Fragen beantwortet, die noch niemand beantwortet hat? Ist Helen für dich ein Karlsson vom Dach, mit einem kleinen Propeller auf dem Rücken? Ach käm’ er doch auch zu mir mal reingeflogen und würde ein paar Runden drehen. Oh Helen, kleine Lotosblume, sit on my face, ich will nichts sehen und hören, mach mich die Welt vergessen! Befreie mich und uns von all den Waschlotions und Heidi Klums mit bleichem glatten Unterleib, schenk uns die Gerüche unserer Körper wieder, aber bitte zerstöre nicht unsere Demokratie!

Das machen schon andere. Ist es nicht viel obszöner, nachts um zwei angerufen zu werden, von einer Maschine, die einen befragt zum Antirauchergesetz? Obszön ist Kreditwerbung, obszön ist Dummheit, obszön ist Unterwerfung, Erniedrigung durch Gewalt, obszön ist Spekulieren mit Lebensmitteln und ewiges Wirtschaftswachstum.

Ihr alle also, kneift nie den Arsch zusammen, geht es locker an, sonst stirbt man früher! Hat mein Tanzlehrer gesagt, kurz bevor er aus dem Zug gesprungen ist. Mögen die Winde aus eurem Arsch nach Küchenkräutern duften wie die heilige Jungfrau beim Aufstieg in den Himmel, möge es hell und strahlend aus euch herausleuchten! Holy holy holy your ass!

Cora Frost lebt als Sängerin und Performerin in Berlin. Mit ihrem Programm „Zucker und Butter“ ist sie am 29. April und 12. Mai in der Bar jeder Vernunft zu sehen.

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