Kultur : Noch Suppe da?

Jelineks „Jackie“: Uraufführung am Deutschen Theater Berlin

Rüdiger Schaper

Was ist die Hölle? Man könnte sie sich so vorstellen, dass man in alle Ewigkeit schwedische Möbelbausätze zusammenschrauben – oder Texte von Elfriede Jelinek anhören muss. Die Produktivität der österreichischen Dramatikerin würde das Feuer nicht ausgehen lassen. In Hamburg wurden kürzlich die ersten Folgen von „Der Tod und das Mädchen“ uraufgeführt, das Deutsche Theater Berlin hat die Episoden vier und fünf bekommen. „Jackie und andere Prinzessinnen“: Sammelbildchen von weiblichem Selbsthass und Schmerzensverliebtheit, dekoriert mit überraschenden Spruchweisheiten („Der Mann ist einfach unmenschlich… Die Frau ist das einzig Menschliche“).

Hölle. Himmel. Totenreich. Dort schmoren und rumoren die Heldinnen, kommen nicht zur Ruhe. Quälen sich ad infinitum. Kaspern und köcheln herum. Vielleicht hat Bühnenbildner Karl Kneidl an Sartres Inferno der „Geschlossenen Gesellschaft“ gedacht, als er auf die Idee kam, die Kammerspiele des DT in eine Arena zu verwandeln. Die Zuschauer sehen von gegenüberliegenden Tribünen herab auf ein Küchengeviert, eine Richtstatt. Im ersten Stück (es heißt „Die Wand“) kochen Sylvia (Plath) und Inge(-borg Bachmann) Blutsuppe. Schnippeln angeekelt-juchzend ein Wiener Würstchen hinein, was sonst. Wollen mit der geilen Speise die Toten anlocken, wie es Brauch war in der Antike. Almut Zilcher und Julia Wieninger zelebrieren Jelineks Dichterinnengipfel als halb hysterisches Bacchanal. Natürlich muss Sylvia, wie einst in Kresniks Tanztheater, ihren Kopf in den Herd stecken. Dass es hier ein Elektroherd ist, mag man als Ironisierungsversuch des Regisseurs Hans Neuenfels verstehen. Aber so richtig wild und gestrig wird es nach der Pause, im zweiten Stück.

Verschwunden jetzt das Küchengefängnis: Um silbrige Pappkameraden schleicht augenrollend Elisabeth Trissenaar. Sissi ist Jackie. Die einzige Königin, die Amerika je hatte. Ein junger Mann am Flügel schlägt die US-Hymne an. Er wird sie ungelenk stützen, aufheben, auch mal ermahnen, wenn sie ausrastet in den kommenden zwei Stunden. Kennedys Ermordung: Die Trissenaar beschwört die blutige Gehirnmasse, die aus dem Kopf des toten Präsidenten auf sie tropft, als wär’s Bill Clintons Spritzer auf Monicas Kleid. Sie macht den Womanizer JFK für ihre Fehlgeburten verantwortlich, weil er sie mit Geschlechtsbakterien infiziert habe. Sie überzieht die Monroe, Kennedys prominenteste Affäre, mit Verachtung und Mitleid. Gibt Tipps für die Dame von Welt und Macht – und beweist, mal mit struppigem Kurzhaar, mal mit Glatze, Mut zur Hässlichkeit.

Ein qualvoller Abend: Elfriede Jelinek hat Illustriertenstories, nichts als Jackie-Klischees, zu einem müßigen Monolog verquirlt, den die Trissenaar im Stile einer Bilderbuch-Diva hoch intoniert. Und Neuenfels – hat er hier wirklich inszeniert oder bloß hilflos zugeschaut?

Wieder am 30. November .

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