Nofretete : Der Erbfeind und die Königin

Alter Zwist, neue Studie: Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy erklärt in ihrem Buch Buch „Nofretete. Eine deutschfranzösische Affäre 1912–1931“, warum der Rückgabe-Streit ein Relikt des Ersten Weltkriegs ist

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Der Augenblick. Am 6. Dezember 1912 wird die Büste der Nofretete geborgen. Foto: bpk
Der Augenblick. Am 6. Dezember 1912 wird die Büste der Nofretete geborgen. Foto: bpkFoto: bpk / Vorderasiatisches Museum,

Unvermindert hält der Besucheransturm aufs Neue Museum an. Dort führt der Weg zur Büste der Nofretete. Die ägyptische Königin hat ihren eigenen Raum im Nordkuppelsaal, wo sie unter gedämpftem Licht ihrem poetischen Namen alle Ehre macht: „Die Schöne ist gekommen“.

Nach Berlin ist die Schöne 1913 gekommen, 3250 Jahre nachdem sie der Bildhauer Thutmosis geschaffen hat. Ein Jahrzehnt verging, ehe sie der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, zunächst durch fotografische Abbildungen, ab März 1924 dann in eben jenem Neuen Museum, in dem sie seit dessen Wiederaufbau erneut Platz gefunden hat. Nofretete machte Sensation: Sie, die in der Geschichte Altägyptens an der Seite des Pharaos Echnaton in jeder Hinsicht nur eine Außenseiterrolle gespielt hatte, wurde zur Identifikationsfigur, zur umjubelten Königin Berlins.

So alt wie ihre öffentliche Anwesenheit ist die Forderung, sie müsse nach Ägypten zurückkehren. Ein Beweis für die angeblich unrechtmäßige Ausfuhr der Königinnen-Büste ist allerdings nie erbracht worden. „Heute, nach nunmehr 80 Jahre andauernden Polemiken und Phantasmen, geht im schuldbereiten kollektiven Bewusstsein der Deutschen das dumpfe Gefühl um, die ,bunte Königin’ müsse vielleicht tatsächlich restituiert werden“, schreibt Bénédicte Savoy mit dem unvoreingenommenen Blick der gebürtigen Französin. In ihrem diese Woche erscheinenden Buch „Nofretete. Eine deutschfranzösische Affäre 1912 –1931“ gibt sie, wie der Titel andeutet, dem alten Streitfall eine völlig neue Wendung.

Nofretete wurde zum Streitobjekt nicht durch Ägypten und seine Regierungen, sondern durch die französische Altertümerverwaltung in Kairo. „Als nämlich zu Beginn des Jahres 1913 der berühmte Kopf der Nofretete Ägypten verließ, geschah dies mit dem Segen der damals liberal gesinnten französischen Altertümerverwaltung“, schreibt Savoy: „Einige Jahre später, nachdem die Scheußlichkeiten des Ersten Weltkriegs auch in der gelehrten Welt tiefe Gräben gezogen hatten, war es dieselbe französische Altertümerverwaltung, die nun von Berlin die Restitution der Büste forderte“ – nicht aus juristischen, sondern „aus moralischen Gründen“. Der Fall Nofretete, so spitzt die Autorin zu, „ist ein unvermutetes Relikt der längst überwundenen deutsch-französischen Feindschaft“.

Was Bénédicte Savoy, seit 2009 Professorin am Institut für Kunstwissenschaft der Technischen Universität Berlin, bei ihrer Suche in Pariser Archiven entdeckt hat, ist der Nachlass des langjährigen Direktors der Altertümerverwaltung in Kairo, Pierre Lacau. Er ist die Schlüsselfigur im Tauziehen um Nofretete. Seit 1899 in Kairo, leitete er von 1914 bis 1936 die Behörde, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Aufsicht über die ägyptischen Antiken innehatte. Erst 1952 endete die französische Oberaufsicht.

Die französische Ägyptologie wollte ihren Vorrang bewahren, den sie mit dem Glücksfund des „Steins von Damiette“ 1799 und dessen Entzifferung begründet hatte. Nach 1900 wuchs die Konkurrenz stark an. Die Zahl der ausländischen Grabungskampagnen stieg binnen eines Jahrzehnts von sechs auf 24. Die Deutsche Orient-Gesellschaft, die zu den ersten Institutionen vor Ort gehört hatte, wurde von Kaiser Wilhelm II. protegiert und von dem Kaufmann, Sammler und Mäzen James Simon finanziert, der so orientbegeistert war wie Seine Majestät.

Zwei Entwicklungen verschränken sich auf unheilvolle Weise. Die expandierende Wissenschaft ist die eine, die politische Konkurrenz der imperialistischen Mächte die andere. Frankreich wird in Ägypten von Großbritannien politisch kaltgestellt; umso wichtiger wurde die Altertümeraufsicht. „Die archäologische Wissenschaft im Allgemeinen und die Ägyptologie im Besonderen“, zitiert Savoy eine Rede des französischen Generalkonsuls in Kairo 1909, „stellen hier einen Teil unseres moralischen Erbes dar und bilden eines der Fundamente unseres Einflusses“.

Der damalige Leiter der französischen Behörde, Gaston Maspero, verkörpert demgegenüber das Ideal des supranationalen Wissenschaftlers. Er fördert die Ausgrabungstätigkeit nach Kräften, aus Furcht vor den verheerenden Folgen der Modernisierung, zumal der Bewässerung. „Wenn nicht innerhalb von 25 Jahren die durch die moderne Industrie angegriffenen Grabungsstellen gründlich erforscht worden sind, zögere ich nicht zu erklären, dass ihr gesamter Inhalt für die Wissenschaft verloren sein wird“, richtet Maspero 1912 einen dramatischen Appell an die gelehrte Welt. Ihm geht es weniger darum, dass die Fundstücke in Ägypten bleiben, als dass sie überhaupt dem Wüstensand entrissen werden.

Unter Masperos Direktorat wurden die Funde von Tell el Amarna zwischen Kairo und Berlin geteilt: und zwar „par distance und nach Photographien“, wie AmarnaAusgräber Ludwig Borchardt nach Hause berichtet. Maspero ließ sich durch einen jungen Mitarbeiter vertreten. Der „Kopf einer Prinzessin“ – wie die Büste der Nofretete mangels Zuschreibung zunächst bezeichnet wurde – fiel an Borchardt, ein als gleichwertig erachtetes Relief mit Pharao Echnaton und seiner schönen Frau an die französische Verwaltung, alles Übrige „hälftig“ und ohne Rücksicht auf Zusammengehörigkeit einzelner Fundstücke. So verlangte es das Gesetz, das kurz zuvor in Kraft getreten war.

Bénédicte Savoy schildert Lacau als unangenehmen Zeitgenossen. Sein Vorgänger Maspero verzweifelte geradezu an ihm. Unverheiratet und kinderlos, aufbrausend und depressiv, mittlerweile 40 Jahre alt und ohne Aussicht auf die ersehnte Anstellung am Pariser Louvre, bekannte er brieflich seine „Abscheu gegen Ägypten“ und jammerte über seine „klägliche Existenz“ in Kairo.

Foto: © Fabrizio Bensch / Reuters
Foto: © Fabrizio Bensch / ReutersFoto: REUTERS

Zum Erweckungserlebnis geriet ihm der 1914 ausbrechende Erste Weltkrieg. Lacau wurde eingezogen, kam in die Schützengräben Nordfrankreichs – und fühlte sich dort so sehr am rechten Platz, dass er die Freistellung vom Kriegsdienst wiederholt ablehnte, um endlich sein Amt in Kairo antreten zu können. „Mein Alter teilt mich den Kämpfenden zu“, erklärte er im Pathos der Zeit: „Was wir hier tun, ist durch nichts zu ersetzen.“ Lacau, interpretiert Savoy in ihrem Buch, „hatte offensichtlich im Krieg ein übergeordnetes Ziel und eine Schicksalsgemeinschaft gefunden, die ihn erfüllten“. Seine nachfolgende Tätigkeit in Ägypten begriff er „als eine Ausweitung der Kampfzone“: 1915 ließ er das luxuriöse Haus des Amarna-Ausgräbers Borchardt in Theben sprengen. Und ging anschließend zurück in den Schützengraben.

Deutsche, so forderte Lacau gleich nach Kriegsende, müssten „aus moralischen Gründen endgültig von künftigen Genehmigungen ausgeschlossen“ werden. Im Rachefeldzug gegen die deutsche Wissenschaft fand Lacau das Ziel seines bis dahin frustrierenden Lebens. An eine Zusammenarbeit mit einem Deutschen auch nur zu denken, sei ihm absolut unmöglich, beschied er 1919 einen Fachkollegen. Eine Nation könne „wirkliche Gelehrte und eine vollkommen niedere Seele haben: Der Beweis ist erbracht“.

So war es nur folgerichtig, dass Lacau am 12. Mai 1925 eine erste Forderung auf Herausgabe des Nofretete-Kopfes stellte. Dabei war sich Lacau bewusst, dass die seinerzeitige Fundteilung rechtmäßig vonstatten gegangen war. In einem Brief an die ägyptische Regierung räumt er ein: „Niemals ist von Diebstahl die Rede gewesen. Juristisch ist alles vollkommen in Ordnung.“ Die französische Antikenverwaltung, mithin sein Vorgänger Maspero, habe einen Irrtum begangen – „das ist schwer genug zuzugeben“ – und den Wert der Nofretete nicht erkannt. Borchardt bestritt diese Darstellung ausführlich unter Verweis auf das von beiden Seiten unterzeichnete Protokoll der Fundteilung. Darauf ging Lacau nicht ein: „Moralisch sind wir gerüstet.“ Unter „moralisch“ verstand Lacau seinen Feldzug gegen Borchardt und die boches.

Die deutsche Seite war schließlich bereit, auf das Tauschangebot einzugehen – um endlich wieder in Ägypten graben zu dürfen. Es war der sozialdemokratische Kultusminister Preußens, Adolf Grimme, der 1930 in letzter Instanz den Tausch der Nofretete-Büste gegen mindere Objekte, darunter eine in Kairo doppelt vorhandene Standfigur, untersagte. Denn Nofretete war längst als Hauptstück der Berliner Museen von der Öffentlichkeit vereinnahmt, und zahllose Zeitungsartikel verurteilten den vereinbarten Tausch. Aus der Bereitschaft dazu ist später auf eine Art Schuldeingeständnis Borchardts und des Deutschen Archäologischen Instituts geschlossen worden. Doch den Wissenschaftlern ging es um die Fortsetzung ihre Grabungen, um die Rückkehr in den Kreislauf der Wissenschaft, die ihnen Lacau und die französische Gelehrtenwelt seit Jahren verwehrten, nicht nur in Ägypten, sondern auch bei internationalen Kongressen.

Dass der Streit um Nofretetes Standort ein Erbe der deutsch-französischen „Erbfeindschaft“ darstellt, rückt den bisherigen Streit in ein neues Licht. Untrennbar darin verwoben sind Kolonialismus und nationale Konkurrenz, aber eben auch die großen Leistungen der Wissenschaft.

Bénédicte Savoy: Nofretete. Eine deutsch-französische Affäre 1912–1931. Böhlau Verlag, Köln 2011, 225 S., 24,90 €.

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