Nofretete : Ein Schatz für alle

Der Chef der ägyptischen Altertümerverwaltung, Zahi Hawass, forderte im Tagesspiegel die Rückgabe der Nofretete. Auch andernorts ist der Umgang mit antiken Funden ein Reizthema. Wer bestimmt über Kunst?

Christina Tilmann
Nofretete
Die schöne Nofretete. -Foto: dpa

Wenn am Samstag in Athen das neue, von dem Schweizer Architekten Bernard Tschumi erbaute Akropolis-Museum eröffnet wird, wird man sie wieder hören: die Forderung nach Rückgabe von antiken Funden, von denen so viele im 19. Jahrhundert aus den Ursprungsländern in die europäischen Museen gebracht wurden. In Athen geht es um die Friese des Parthenon-Tempels, Elgin- Marbles genannt, nach dem damaligen britischen Botschafter Lord Elgin, der die Stücke 1801 nach London brachte. Heute sind sie eine Hauptattraktion des British Museum. Man denkt in London nicht daran, sie zurückzugeben. Auch wenn die Begründung, in Athen wäre für eine angemessene Präsentation kein Platz, mit dem neuen Museum nicht mehr trägt.

Ähnliche Diskussionen kennt man um den ebenfalls im British Museum aufbewahrten Rosetta-Stein aus Ägypten, der den Schlüssel zur Entzifferung der Hieroglyphen lieferte. Oder, aus Berlin, vom Pergamon-Altar, dem erst kürzlich aufwendig restaurierten Hauptwerk des Pergamonmuseums, der regelmäßig von türkischen Stellen zurückgefordert wird, zuletzt 2001 vom türkischen Kulturminister Istemihan Talay – ohne Erfolg.

Doch besonders begehrt ist das absolute Prunkstück des Ägyptischen Museums in Berlin, die Nofretete-Büste, mit der im Oktober glanzvoll das restaurierte Neue Museum eröffnet werden soll. Gerade hat Ägyptens oberster Antiken-Chef Zahi Hawass im Tagesspiegel-Interview erneut die Rückkehr der Schönen in ihre Heimat gefordert – entweder auf Zeit, als Leihgabe zur Eröffnung des Museums in Nofretetes Heimatstadt Minia, oder noch besser gleich auf immer und ewig.

Die Reaktion der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf solche Forderungen ist immer die gleiche: Für kurzfristige Ausleihen sei die Büste, deren Gipsschicht auf dem Steinkern gerade erst wieder radiologisch untersucht wurde, viel zu fragil. Und bei der damaligen Fundteilung, bei der die eine Hälfte, samt Nofretete, den Berliner Entdeckern rund um den Archäologen Ludwig Borchardt zugesprochen wurde, die andere, nicht minder gewichtige Hälfte auf eigene Entscheidung den Ägyptern, sei alles mit rechten Dingen zugegangen. Dass die Bedeutung der Nofretete den ägyptischen Beamten, die die Funde inspizierten, offenbar nicht aufgefallen war – Sammlerpech.

Wenn Zahi Hawass im Interview nun neue Informationen ankündigt, die belegen sollen, dass damals doch nicht alles legal ablief, klingt das zunächst ziemlich weich und vage. Es verdeckt aber nur das grundlegendere Problem, das sich heute im Umgang mit antiken Funden stellt. Denn längst haben die Ursprungsländer erkannt, was sie an ihrer Geschichte haben. Sie bauen neue Museen, wie in Athen oder in Ägypten, sie nehmen auch Grabungen immer stärker in die eigene Hand und sie verfügen inzwischen selbst über gut ausgebildete Archäologen. Und selbst wenn ausländische Archäologen noch Grabungen durchführen, verlässt längst kein Fund mehr das Land. Es geht natürlich auch, wie immer bei antiken Schätzen, um eine ganze Menge Geld.

Die Zeiten, in denen sich die europäischen Wissenschaftler unschätzbare Verdienste erwarben, indem sie in Griechenland oder in Ägypten, in der Türkei oder in Syrien antike Stätten und die dortigen Funde sicherten und ganze Kulturen auf diese Weise erhielten, sind längst vorbei: Anfang des 19. Jahrhunderts bestand tatsächlich noch ein Wissens- und Bewusstseinsvorsprung der Europäer. In Zentralasien, in der mongolischen Steppe, mögen solche Erhaltungsgrabungen unter Federführung internationaler Experten, wie sie etwa der jetzige Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, durchführt, heute noch nötig und möglich sein – die sehr erfolgreiche Skythen-Ausstellung in Berlin zeigte im vergangenen Jahr solche Funde. Aber in den klassischen Grabungsländern Ägypten, Griechenland, Italien oder Vorderer Orient läuft das längst anders und unter nationaler Ägide. Das Problem sind hier viel eher Raubgrabungen und illegale Exporte – selbst das Metropolitan Museum in New York musste unlängst illegal erworbene Antiken restituieren.

Ob nun alles, was aus den Ursprungsländern stammt, auch wieder in diese zurückkehren muss – diese Forderung scheint angesichts der Bandbreite internationaler Kunstsammlungen, die Schätze aus allen Teilen der Welt präsentieren, nicht realistisch. Selbst Zahi Hawass fordert nicht alles zurück, was an ägyptischer Kunst im Louvre in Paris, im British Museum in London, dem Metropolitan in New York oder den Berliner Museen zu sehen ist – immerhin nun auch schon seit Jahrhunderten, und mit dem entsprechenden wissenschaftlichen Forschungsfundament dazu. Und selbst beim so heiklen Thema Beutekunst, das seit Jahrzehnten für Zwist zwischen Russland und Deutschland sorgt, setzt sich inzwischen die Einsicht durch, dass vielleicht nicht alles wieder zurückkehren muss, vorausgesetzt, die Objekte werden an ihrem Aufbewahrungsort optimal präsentiert und für wissenschaftliche Forschungen zugänglich gemacht.

Kunst als Allgemeingut, nicht als nationaler Schatz – angesichts der verschlungenen Wege aus Raub, Verkauf und Verschleppung, Vernachlässigung und Neubewertung ist eine saubere Eigentumsklärung oft längst nicht mehr möglich. Und selbst da, wo es offensichtlich um Unrecht oder die Grauzonen internationaler Kunstdiplomatie geht, ist dies nicht immer hilfreich. Dass sich die Debatte immer nur an wenigen Symbolwerken – Schliemann-Schatz, Nofretete, Pergamon, Elgin-Marbles – festbeißt, verdeckt zudem, dass es auf wissenschaftlicher Ebene längst eine gute und fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den Ländern gibt. Irgendwann wird man auch über Leihgaben, Faksimiles, Kooperationen entspannt reden können – ohne politisches Sperrfeuer, von welcher Seite auch immer.

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