Nofretete-Kopie in der Neuen Nationalgalerie : Die schielende Göttin

Ein Kitscherlebnis.

Kolja Reichert

Der ägyptische Botschafter Ramzy Ezzeldin Ramzy stand am Mittwochabend lange ratlos vor dem Kopf der Nofretete in der Neuen Nationalgalerie. Das spektakuläre Fundstück, vor hundert Jahren nach Berlin verschleppt, eine der atemberaubendsten Skulpturen der Welt, Standortfaktor und Gegenstand diplomatischer Winkelzüge – hier reckt die edle Schöne dem Gast ihr zerbrechliches Herrscherinnengesicht grell geschminkt entgegen und: Nofretete schielt. Sie kündigt die diplomatische Etikette auf, die zwischen Kunstwerk und Betrachter herrscht. Als wollte sie sich einmal über all die ehrfurchtsvollen, untertänigen Blicke amüsieren.

Man solle das bloß nicht als Witz auslegen, mahnte Direktor Udo Kittelmann, was er anlässlich der Nofretete-Feiern der Staatlichen Museen mit dem Künstler Hans-Peter Feldmann ausgeheckt hatte: ein 3-D-Scan der Originalskulptur, vom Künstler bemalt, ausgestellt in einer Replik der Originalvitrine in der Mitte des Mies-van-der-Rohe-Baus. Und klar, das Werk des 71-jährigen Feldmann, das im Schatten der Düsseldorfer Szene der Sechziger und Siebziger entstand und erst seit zehn Jahren breiter gewürdigt wird, ist nicht verstanden, reduziert man es auf seine Witzigkeit. Auch wenn es enorm witzig ist. Feldmann hat Ölporträts das Schielen beigebracht, unter anderem Karl Marx. Er hat die Venus von Milo oder Michelangelos David bunt bemalt, wie es ja auch die alten Griechen taten, so dass die Figuren plötzlich aussehen wie Kitsch aus dem Souvenirgeschäft. Feldmann gelingt es, dass sich Objekte oder Fotos förmlich gegenseitig ausziehen. Sie klemmen sich in die Kunst wie schlecht getarnte blinde Passagiere. Weil sie damit die Repräsentationsroutinen von Markt und Museen bloßlegen, ist Feldmann tatsächlich nicht bloß witzig.

In der Neuen Nationalgalerie allerdings schon. Hier ist seine Arbeit instrumentalisiert für die durchaus auf Repräsentation zielende Hauspolitik Udo Kittelmanns, der noch im Januar in derselben Vitrine Duchamps Parfumflakon „Belle Haleine“ inszenierte. Mit kleinen Aktionen größte Wirkung erzielen, das ist die Spezialität Kittelmanns, wobei sich darin nicht zuletzt das Museum ganz altmodisch als Aurafabrik feiert, so ironisch es sich auch gibt. Seit vier Jahren ist Kittelmann jetzt am Haus und erklärt seine sparsamen Setzungen noch immer damit, den Mies-Bau und dessen Geschichte verhandeln zu wollen. Wobei unklar bleibt, was genau es am Mies-Bau noch herauszufinden gälte, außer dass er dringend solch drückend egomanischen Gesten entrissen werden sollte, um ein lebendiger, öffentlicher Ort zu werden, wie es Berlin entspräche. Immerhin kündigte Kittelmann jetzt für kommenden Herbst die lange eingeforderte Überblicksschau mit Berliner Künstlern an.

Ein echter Coup wäre es gewesen, Feldmanns Nofretete im Neuen Museum zu zeigen, anstelle des Originals. So aber gerinnt sein subversiver Witz zur kecken Aufhübschung der Nofretete-Feiern.

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