Kultur : Nofretetes Schwestern

Afrika in neuem Glanz: Das Ethnologische Museum in Berlin-Dahlem präsentiert seine Kunstschätze

Christina Tilmann

Es ist eine Palastrevolution für die Dahlemer Museen – und gleichzeitig ein Bewerbungsbogen für ein künftiges Domizil im wieder aufzubauenden Stadtschloss. Die Afrika-Abteilung des Ethnologischen Museums präsentiert ihre Sammlung neu, und plötzlich wird Ernst gemacht mit dem von Museums-„General“ Peter- Klaus Schuster so gern beschworenen Weltrang der Berliner Sammlungen. Zwar wird Nofretete, der unbestrittene Star der Berliner Häuser, auf der Museumsinsel von den Massen umlagert. Doch ihre weniger bekannten afrikanischen Schwestern in Dahlem können durchaus mithalten, an Rang wie Qualität.

Nehmen wir nur den Kopf einer Königsmutter (iyoba) aus Benin: Sie trägt eine Krone aus Korallenperlen, die den Kopf nach hinten verlängert wie bei Nofretete. Dazu ein weiches Profil, die Augen verschattet von schweren Lidern, um die Lippen spielt ein geheimnisvolles Lächeln. Oder der „Menschliche Kopf“ aus Nigeria: das Gesicht ein perfektes Oval, die Augen leicht schräg gestellt, die Lippen leicht aufgeworfen, sinnlich. Ein Idealbild, trotz individuell wirkender Züge. Und, als Drittes, eine Maske aus Liberia: Augenpartie und Kinn bilden ein perfektes Dreieck, die Stirn den Halbkreis darüber. Brauen, Lider, Nasenspitze und Mund sind waagerechte Striche im Gesicht – ein Spiel der geometrischen Formen, wie es einem Jawlensky gefiele.

Es ist Porträtkunst vom Feinsten. Die Ausstellungsarchitektur unterstreicht das noch. In den abgedunkelten Räumen herrscht samtiges, weiches Dämmerlicht. Darin stehen milchweiß leuchtend Plexiglas–Podeste und auf ihnen, durch Punktstrahler herausgehoben, die ausgewählten Stücke. Das ist, schon am Eingang, ein überwältigender Raumeindruck: Kostbar vereinzelt strahlen die Meisterstücke dem Besucher entgegen, eine Schatzkammer, ein konzentrierter (Andachts-)Raum. Doch mit dem dunklen Herz Afrikas wolle man nichts zu tun haben, so Peter Junge, der Leiter der Sammlung. Auch magische Beschwörungsrituale liegen ihm fern.

Das Dunkel soll vor allem die Konzentration befördern – und die Aufmerksamkeit auf die Objekte lenken. Dass die Afrika-Abteilung mit ihren 75000 Stücken nicht nur ethnologisches Forschungsmaterial enthält, sondern vor allem große Kunst, ist das Credo von Peter Junge. Jenseits von chronologischen oder geografischen Zuordnungen präsentiert er seine 180 ausgewählten Objekte allein nach ästhetischen Kriterien und zeichnet eine Linie vom Naturalismus zum Expressionismus bis zur Abstraktion und stellt doch immer die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen klar. Themenkreise wie „Figurative Skulptur“, „Kunst und Macht“, „Porträts“, „Performance“ und „Design“ gliedern die Räume. Auch Gebrauchsgegenstände wie Nackenstützen, Becher, Musikinstrumente oder Masken werden als Kunstwerke behandelt. Eine Trennung zwischen Kunst und Kunstgewerbe, so Junge, gibt es in Afrika nicht; häufig ist es der gleiche Bildhauer, der beides herstellt.

Das ist im Kontext der Völkerkundesammlungen durchaus eine Revolution. Gerade in Berlin, in Dahlem, hat sich die ethnologisch fundierte Sammlungspräsentation lange gehalten – und ist in der Vergangenheit häufig in Konflikt geraten mit den benachbarten Abteilungen wie dem Museum für Ostasiatische Kunst, die ihre Bestände seit jeher als eigenständige Kunst ansehen. Doch auch im internationalen Vergleich ist es noch längst keine Selbstverständlichkeit, Kunst aus Afrika als solche zu betrachten und zu behandeln.

In Berlin hat sich das geändert, seit Viola König die Leitung der Dahlemer Museen übernahm. Für eine künftige Präsentation der Museen im Schloss arbeiten die einzelnen Direktoren schon jetzt gemeinsam an einem Konzept. Und auch die einzelnen Sammlungen in Dahlem haben sich, eine nach der anderen, längst neuen Präsentationsformen zugewandt: Die Museen für Indische und für Ostasiatische Kunst, die Brasilien-Abteilung des Ethnologischen Museums verfügen inzwischen über renovierte Räume.

Für die Afrika-Abteilung kam ein besonderer Glücksfall hinzu: eine Anfrage aus Brasilien, die Berliner Schätze dort in einer großen Ausstellung zu zeigen. Zwei Drittel der brasilianischen Bevölkerung hat afrikanische Wurzeln. Da kam das Berliner Angebot gerade recht. Und es wurde, für die Berliner völlig überraschend, ein überwältigender Erfolg: Über eine Million Besucher sah 2003/04 die Ausstellung an ihren drei Stationen Rio de Janeiro, Brasilia und Sao Paulo. Peter-Klaus Schuster erklärte angesichts der eindrucksvollen Präsentation in der Banco do Brasil in Rio sogleich, dass er die Architektur von Marcello Dantas am liebsten unverändert für Berlin übernehmen wolle: „Man muss seine Sachen nur ausleihen, um zu sehen, wie man sie sich in Dahlem wünscht.“

So ergibt sich die paradoxe Situation, dass eine temporäre Sonderausstellung in Brasilien mangels eigener Mittel plötzlich zur Dauerpräsentation in Berlin avanciert. Das ist der Not der Berliner Museen geschuldet: Planungssicherheit, überhaupt ein nennenswerter Ausstellungsetat ist für Dahlem nicht in Sicht. Doch bis der erhoffte – und nach den jüngsten Entwicklungen nun wieder wahrscheinlichere – Umzug zum Schlossplatz ansteht, können Jahre, Jahrzehnte verstreichen. Zumindest ein langfristiger Entwicklungsplan für Dahlem muss her, auch wenn die Museen, wie aktuell gefordert, bis Ende des Jahres ihr Konzept für das Humboldt-Forum vorlegen sollen.

Fünf Jahre lang wolle man die jetzige Ausstellung zeigen, erklärt Peter Junge, ab Dezember erweitert durch zusätzliche Räume für die kostbaren Benin-Bronzen und das Thema Fetischismus. Die Zeit der Dauerausstellung scheint vorbei und ersetzt durch flexiblere Präsentationsformen, die auf den geänderten Bedarf reagieren. Auch für den Schlossplatz setzt Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, weniger auf umfassende Dauerausstellungen als auf regelmäßig wechselnde Präsentationen. Doch eines Tages blickt Nofretete, quer über den Lustgarten, vielleicht der Königsmutter aus Benin ins Gesicht.

Kunst aus Afrika, Ethnologisches Museum Dahlem, Lansstr. 8. Katalog bei DuMont, 200 S., 169 Abb., 24,90 €.

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