Kultur : "Nord": Krebsgang im Aquarium

Roman Rhode

"Kühl" wäre nicht das richtige Wort für die Chansonnette. Echte Kühle lässt erschauern. Aber diese Gefühlsregung will sich nicht einstellen bei Tanja Ries, die in der Kalkscheune ihr neues Album "Nord" präsentiert. Auf dem Cover zeigt sie einem Fisch die blanke Schulter, der Saal ist als Aquarium hergerichtet: "Wunderschöne Bilder", wie die Sängerin wiederholt bemerkt. Tanja Ries, die mit schlickfarbenem Oberteil und sehr verhaltener Gestik über die als Laufsteg angelegte Bühne schlafwandelt, freut sich, dass unter den Zierfisch-Projektionen "so viele Menschen zusammengekommen sind". Dann stimmt die Garçonne aus Pforzheim ihre Lieder an. Es sind traurig-tranig vorgetragene Poeme über die Ambivalenz von Angst und Liebe, Sehnsucht und Zweifel, Traum und Wirklichkeit: Elaborate einer nicht zu Ende Geborenen. Dazwischen erzählt Ries von den Lebensweisheiten ihrer badischen Großmutter, einer "wundervollen Frau, die richtig gelebt hat". Nur leiden, das habe sie nie gekonnt. Umso mehr gefällt sich die Enkelin darin, von den großen, tiefen Gefühlen zu singen - mit einer kraftlosen, gleichförmigen Kopfstimme, wie in Trance. Ein Cello wimmert mit, der Pianist ergeht sich in beherrschter Chromatik. Allerlei Elektronik-Effekte des Gitarristen plätschern dahin. Und am Drumcomputer sorgt Ries dafür, dass die eigentliche Schlagzeugerin immer wieder nichts zu tun bekommt. So harmlos sind auch die Texte: Fische ohne Gräten, Kaltblüter ohne Biss und Schuppen. Tanja Ries verwechselt die dunkle Tiefe der See mit dem heimeligen Aquarium, in dem es nur immerfort blubbert. "Der Florian", verrät sie einmal unvermittelt über den Pianisten und Arrangeur, "hat eine ganz neue Uhr". Jemand aus dem Publikum fragt: "Wie spät ist es denn?" Ries aber ist nicht zum Scherzen aufgelegt: "Was interessiert das schon an einem Chanson-Abend!" Allerhand - wenn mancher zu fischen denkt und doch nur krebst.

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