Kultur : Nordgehen

Thea Herold

Der heutige Galerierundgang Mitte/Nord , mit rund 40 Galerien und Projekträumen nördlich der Torstraße (18–22 Uhr) wird vielleicht wieder daran erinnern, dass sich städtische Fußmärsche einfach lohnen. Man spart nicht nur Parkscheine, sondern kann auch deutlich mehr entdecken. Die Einzelausstellung von Susanne Rast etwa. Hinter der schmalen Tür zur Produzentengalerie raum5 wartet eine sehr sehenswerte Bestandsaufnahme aus der Mitte eines Künstlerlebens. Sie nimmt Kohle und Tusche für ihre Zeichnungen, souveräne Liniaturen auf geweißter Pappe, die nahezu malerisch wirken. Klassische Mittel, zeitgemäß und glasklar angewandt. Eine profunde Ausbildung liegt diesem suchenden Können zugrunde. Die Bildhauerin (1962 in Rostock geboren) arbeitet nach dem Studium in Weißensee weiter am Traum von der absoluten Figur, übt und modelliert. Die hinreißenden Bronzen und Zeichnungen der letzten sieben Jahre (Preise auf Anfrage) sind lesbar als Wegmarkierung oder als ein- und ausatmende Studienblätter, die Lebenskurven verarbeiten. Sorgsam ausgesucht und an einer viel befahrenen Straße für einen Moment in die Ruhe eines Raumes gebracht. Wer sich dafür Zeit nimmt, macht die Tür zu und bleibt gern mehr als einen Moment (Torstraße 173, bis 21. Oktober) .

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Die Begriffe zur Beschreibung von Kunst sind heute eher sachlich. Es gab jedoch Zeiten, da war der Ausdruck „duftende Farbe“ allgemein gebräuchlich. Auch „lauschendes Blau“ konnte geschrieben werden oder „Rot, wie wenn Wein auf ein Tafeltuch kippt“. Manchmal muss man diese Formulierungen wiederbeleben, denn im coolen Jargon ließen sich die Leinwände von Eamon O’Kane (geboren in Dublin 1974) in der Galerie Schuster / Scheuermann gar nicht beschreiben. Der irische Maler arbeitete an seiner jüngsten Serie in Rom. Er kam, sah und studierte die alten Meister und blieb gleich ein halbes Jahr. Dann ging das Herz ihm über. „Doria Pamphilij Gesu“ nennt er nun eines der Bilder. Weißrote Ornamente überziehen den Hintergrund, davor liegt knisterndes Violett. Auf seinen „Doppelporträts“ sind berühmte Gesichter der Kunstgeschichte, wie jenes Mädchen mit dem Perlenohrring, sofort zu erkennen. Dabei verhüllt O’Kane den berühmten Augenaufschlag. Türkisfarbenes Tuch breitet sich aus, das die Konturen der jungen Frau gleichermaßen nachzeichnet wie vage verbirgt. Wie ein Geheimnis über ihre Schönheit (Preise zwischen 620 und 8000 Euro, Gartenstraße 7, bis 30. September) .

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