Kultur : Nordisch-zart

ECKARD SCHWINGER

Während sich das Weltorchester der musikalischen Jugend diesmal auf Richard Strauss kapriziert hatte, ging tags darauf die Deutsch-Skandinavische Jugend-Philharmonie unter Andreas Peer Kähler in der Philharmonie wieder auf große Entdeckungsreise.Der Zielpunkt: "Island - Sagas - Jón Leifs." Der von Kähler entdeckte Isländer Jón Leifs (1899 bis 1968) lieferte mit seiner nunmehr in Deutschland erstaufgeführten "Saga-Sinfonie" das herausfordernde Hauptwerk des anregenden Abends.Die allen europäisch-romantischen Klangmustern heftig zuwiderhandelnde, hierzulande ganz und gar unbekannte Musik des bedeutenden isländischen Komponisten hat Kähler schon vor zwei Jahren erstmals wieder aufgeführt: diese schwermütige Musik, die bisweilen auch von einer geradezu visionären Zartheit getragen ist, vor allem aber einen Vulkanausbruch nach dem anderen zutage fördert.Bei der "Saga-Sinfonie" op.26 für großes Orchester, einem so elementaren wie aufrührerischen Werk voller Geist und Feuer, fielen wiederum eine abnorme Besetzung und widerborstige Faktur auf.In der 1941/42 in Rehbrücke bei Potsdam entstandenen Sinfonie (Leifs lebte damals noch in Deutschland und erhielt von den Nazis Aufführungsverbot, da er mit einer jüdischen Frau verheiratet war) werden beispielsweise als Schlagwerk Holzschilde, Hammer, Ambosse, große und kleine Steine und andere merkwürdige Instrumente verwendet.

Die fünf weitausgreifenden, harschen Sätze kreisen um sagenhafte Gestalten aus mittelalterlichen isländischen Dichtungen.Die urtümlich dumpfen Ostinatowirkungen, die wilden Schlagzeugeruptionen, die harten Hammerschläge, aber auch die kahlen Farben und bizarren Tanzepisoden sind geprägt von der alten isländischen Volksmusik.Aber bei allen Brutalismen, allen schockierenden Kontrasten, allen unfügsamen rhythmisch-metrischen Konstellationen - auch in dieser "Saga-Sinfonie" von Leifs kommt eine geheimnisvoll-tiefe und vielgestaltige Klangwelt zum Tragen, die nicht so schnell wieder losläßt.Zumal dann nicht, wenn sie so ungeschönt schroff und unbändig expressiv ausgelotet wird wie von dem hellhörig und beweglich dirigierenden Andreas Peer Kähler und den hervorragend aufgelegten neunzig jungen Musikern aus zwölf Ländern.

Sicherlich eine Erstaufführung auch Carl Nielsens hintergründig schöner "Saga-Traum" op.39 mit den nachgerade modernen, surrealen Zügen.In diesem Umfeld wurde das Interesse an dem Violinkonzert von Jean Sibelius neu sensibilisiert.Kolja Blacher musizierte es nicht mit der üblichenüberrumpelnden Virtuosität und billigen Sentimentalität, sondern mit dem ihm eigenen stilistischen Takt, mit geistvoller Kultur, ungemein nuancierter Strahlkraft und Empfindsamkeit.

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