Kultur : Nordlichter

„Baltic Mill“: England weiht ein neues Kunstzentrum ein

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Die Gegend um Newcastle an der Tyne im Nordosten Englands war vormalig verschrien als Revier von Kohle- und Hafenarbeitern. Heute wird die Region als Geburtsstätte eines neuen Selbstbewusstseins gefeiert. Inmitten der stillgelegten Industrielandschaft steht ein bis 1980 genutzter Getreidespeicher von 1950, der jetzt als eine für 46 Millionen Pfund ultramodern rekonstruierte „Kunstfabrik“ wiedereröffnet wurde. Der alte Speicher ist nur eines von vielen neuen Projekten entlang des Tyne-Ufers. Schräg gegenüber baut Norman Foster an einem Musik-Komplex, der nächstes Jahr eingeweiht werden soll, anderswo entstehen Lofts und Büroflächen. Mehr als 6000 Menschen strömen am Eröffnungstag der Baltic Mill in die 3000 Quadratmeter großen, lichtdurchfluteten Ausstellungshallen.

Für Direktor Sune Nordgren ist das die Bestätigung eines Konzepts, das unter seiner Leitung schon in Malmö erfolgreich war. Vor allem zielt es auf eine aktive Besucherschaft ab: Kunst soll nicht nur zum Angucken, sondern auch zum Anfassen sein. „Artists in Residence“ leben in Wohnungen nebenan, arbeiten in den für alle Bereiche der Bildenden Kunst ausgestatteten Studios und lassen die Besucher am Produktionsprozess teilhaben. Die Ausstellungen wechseln monatlich. Schüler und Kunstinteressierte können an Workshops und Seminaren teilnehmen.

Wichtiges Kriterium von Nordgrens Konzept ist die Durchmischung von regionalen mit nationalen und internationalen Einflüssen - zur Eröffnung zeigen Chris Burden (USA), Carsten Höller (Belgien), Julian Opie (England), Jaume Plensa (Spanien) und Jane & Louise Wilson (Newcastle) ihre Kunst auf den großflächigen sechs Ebenen. Als Künstler in Residenz konnte der Schwede die in Berlin lebende Eva Grubinger, Los Carpinteros (Kuba), Alec Finlay (Schottland), Chad McCail (Schottland) und Tsuyoshi Osawa (Japan) gewinnen.

In London schielt man derweil fast eifersüchtig in Richtung Gateshead und beeilt sich, die Baltic Mill als die „Tate Modern des Nordens“ zu würdigen. Aber Sune Nordgren winkt ab: sein Konzept sei anders, kreativer als der Süden. Es ist vor allem Nordgren selbst, der anders ist. Bodenständig, offen, skandinavisch. Der Schwede sieht seinen Wirkungskreis vor allem in Nordeuropa. England habe sich nach dem Krieg von der kontinental-europäischen Kunst ab- und den USA zugewandt. An die alten Verbindungen zum Kontinent, die im Nordosten in erster Linie durch Im- und Export zustande kamen, will Nordgren anknüpfen.

In der Praxis sieht das so aus: Ausgerüstet mit einer handlichen Kamera zieht Eva Grubinger durch die Gegend um die Baltic Mill und fängt ziemlich spezielle Verhaltenskodexe der Newcastler ein – wenn die Männer frei sind, zupfen sie ihre Hemden aus der Hose. Schwule hingegen deuten ihre sexuellen Präferenzen mit einen Taschentuch in der Hosentasche an. „Die künstlerische Herausforderung besteht darin, Lokales aufzuspüren und daran Allgemeingültigkeiten festzumachen“, sagt die 32-Jährige. Und das gilt nicht nur für die Region an der Tyne. Katharina Strobel

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