Kultur : "Nordrand": Zu genau, um Klischee zu sein

Veronika Rall

Am Anfang stehen Kinderträume. Träume vom Fliegen, vom Abhauen, vom Dableiben. Realistische und phantastische Träume. "Wenn ich groß bin, werde ich Trapezkünstler." - "Wenn ich groß bin, werde ich Krankenschwester." - "Wenn ich groß bin, will ich eine Menge Kinder." - "Wenn ich groß bin, werde ich Astronaut." Dann gehört mir die Welt. Zu sehen ist eine kleine, blaue Kugel. Dann dreht Barbara Albert die Perspektive um und zeigt nach der Kinderzeichnung einen knallblauen Himmel. Ein Drachen dreht und wendet sich im Wind, seine Leine zieht die Kamera zurück auf die Erde. Eine Wiese, spielende Kinder in einer Wiener Vorstadt. Schnitt. Eine Krankenschwester trägt ein Neugeborenes im Arm. Während sie von der Schwester Oberin getadelt wird, fällt ihr Blick durch die Scheibe in den Besuchsraum der Geburtsstation. Im Fernsehen laufen die Nachrichten, sie berichten vom Krieg in Bosnien.

Die assoziative Montage, mit der Barbara Albert ihren Debütfilm "Nordrand" einleitet, ist ein kleines Meisterstück. Der wünschende Blick in die Zukunft identifiziert sich als Rückblende; dem Blick auf die Erde folgt der in den Himmel und ein dritter der Welt auf sich selbst; die Geburt assoziiert sich dem Tod. "Short Cuts" hatte Robert Altman seine Reflexionen auf Los Angeles genannt; darin verklammerten Unfälle und Naturkatastrophen die Biografien der Protagonisten eher unverbindlich. Alberts Blick ist direkter und komplexer. Denn es sind Grenzgänger, für die sich ihr Kameraauge interessiert. Ihre Hauptpersonen sind Jugendliche an der Schwelle zum Erwachsenendasein, Flüchtlinge und Kriegsopfer, Missbrauchte und Misshandelte, die am eisigen Rand der Stadt, an der Peripherie der Gesellschaft leben.

Tamara stammt aus Serbien. Sie will eine Ausbildung als Krankenschwester absolvieren, später vielleicht in die Heimat zurückkehren. Anders Jasmin, die aus einer kinderreichen Familie kommt. Der Vater schlägt seine Töchter und missbraucht sie, vielleicht hängt sich Jasmin deshalb ganz schnell an jeden Kerl, der ein bisschen lieb zu ihr ist. Senad schleicht sich eines Abends über die österreichische Grenze. Alles, was er aus Bosnien mitbringt, muss in einen kleinen Rucksack passen. Valentin fährt einen dicken Bus, der mit Stars & Stripes bemalt ist, er verkauft Autoreifen, Puppen, Ausweispapiere und Träume. An einem Silvesterabend singen, tanzen und trinken die vier gemeinsam mit vielen anderen unter dem Stephansdom, mitten in Wien.

Kuscheltiere und Knabberzeug

Das klingt nach Klischee, ist es aber keine Sekunde. Viel zu genau hat Albert in der Wirklichkeit hingeschaut. "Nordrand" fasziniert nicht nur durch seine präzise Montage; die Bilder, die der Film ineinander assoziiert, besitzen einen außerordentlichen Realitätswert. Wenn die mollige Jasmin im grell-rosa Jogginganzug auf dem Bett im Kinderzimmer liegt, dann weiß man, wie sich das von innen anfühlt. Billige Kuscheltiere, Jugendzeitschriften, ein Fernseher, stets eine Tüte Knabberzeug in Reichweite. Und die abgenutzte Tapete mit den niedlichen Häschen, an der sich der Blick der Mädchen festhält, wenn der Vater nachts ans Bett kommt.

Doch produziert die Wirklichkeit nicht nur hässliche Bilder. Albert weiß die Schaulust ihres Publikums weit klüger zu ködern als mit einem voyeuristischen Blick. Immer wieder gelingen ihrer Handkamera klare Kompositionen, die eine Beziehung zwischen den Menschen herstellen oder ihren Bezug zur Welt dokumentieren.

Einem kleinen Planeten gleich besitzt "Nordrand" eine Gravitationskraft, die die Menschen unaufhaltsam von der Peripherie ins Zentrum zwingt. Albert muss weder Unfälle noch Naturkatastrophen bemühen, sie hat sie bereits als Kulturkatastrophen begriffen: Krieg, Flucht, Missbrauch, Missachtung, Lieblosigkeit, Tod, Abtreibung - es sind die Krisen, die Menschen zueinander führen und aneinander binden.

Am Ende aber wird der Film leicht und überlässt sich der Fliehkraft. Tamara, Jasmin, Senad, Valentin sitzen in Bussen und Zügen, lassen ihre Haare im Wind wehen. Und der Film umkreiselt noch einmal die spielenden Kinder. "Nordrand" ist nicht zuletzt durch seine Gedächtnisleistungen ein im besten Sinne altmodischer Film. Er lässt unendlich viel entdecken, was man einmal zu kennen glaubt: Die Fernsehbilder vom Bosnienkrieg und einen chinesischen Glücksbringer; das Entsetzen angesichts des Todes und die naive Freude über die ersten Schneeflocken; die Geborgenheit einer Umarmung und die Trostlosigkeit einer Abtreibungsklinik.

Auf dem Filmfestival in Venedig wurde "Nordrand" als erster österreichischer Wettbewerbsbeitrag seit 51 Jahren gefeiert, Nina Proll wurde für die Rolle der Jasmin mit dem Marcello-Mastroianni-Preis ausgezeichnet. In Österreich zählte er vier Wochen lang zu den Top Ten. Wenn "Nordrand" heute seinen Auftritt in der deutschen Kinolandschaft beginnt, so wünscht man ihm die rege Aufmerksamkeit, die er selbst ausstrahlt.

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