Kultur : Nordwind

Das Europäische Musikfest gastiert wieder in Berlin

Carsten Niemann

Das Europäische Musikfest ähnelt einem Wikinger: Unverhofft kann es an den unterschiedlichsten Winkeln des alten Europas auftauchen, um die Eingesessenen mit der Kultur aus ganz anderen Ecken des Kontinents zu konfrontieren. In diesem Jahr wieder in Berlin. Unter dem Motto „Wege des Nordens“ präsentieren sich vom 3. bis 19. November Ensembles aus Dänemark, Finnland, Island, Norwegen, Schweden sowie Estland, Lettland und Litauen. Anders als in wilderen europäischen Vorzeiten steht die Heimsuchung im Zeichen des Austauschs und Kennenlernens. „Innovativ, experimentierfreudig, charakteristisch und international führend“ lautet das Auswahlkriterium für die Gruppen zwischen Orchester, Jazzcombo, Percussiongruppe und A-Cappella-Ensemble.

Was das konkret heißen kann, zeigt gleich das heutige Auftaktkonzert mit M. A. Numminens „Neorustikalem Tango Orchester“ in den Nordischen Botschaften. Numminen hat nicht nur ein Buch über abgelegene finnische Kneipen geschrieben, sondern er verhalf auch einem anderen vernachlässigten Kulturgut seines Landes zum Kultstatus: Dem Anfang des letzten Jahrhunderts entstandenen finnischen Tango – als Beispiel eines radikalen aber geglückten Crossovers.

Von Querköpfen und der oft unverstandenen Liebe des kalten Nordens zum heißen Süden können das Odense Symfoniorkest Dänemark und das Iceland Symphony Orchestra ebenfalls ein Lied singen (4. bzw. 9. November im Große Sendesaal Haus des Rundfunks): so, wenn Carl Nielsens „Aladdin“-Suite auf den klangwuchtigen „Geysir“ des Isländers Jón Leifs (1899 – 1968) trifft.

Gleich eine ganze Gruppe hoffähig gewordener Außenseiter tritt am 13.11. mit der fulminanten schwedischen Percussiongruppe Kroumata im Kammermusiksaal der Philharmonie in Aktion: Sie besitzen in ihrer Heimat nicht nur einen eigenen Konzertsaal, sondern sind regelmäßig bei der Königsfamilie zu Gast.

Dass der Norden den Deutschen sogar von spannenden Wiedervereinigungsprozessen berichten kann, dafür steht das von den estnischen Zwillingsschwestern Anu und Kadri Tali gegründete Nordic Symphony Orchestra: Das Ensemble, in dem nordische und baltische Künstler zusammen musizieren, wird von Anu Tali geleitet: Sie wiederum kommt aus der Dirigentenschmiede des legendären Jorma Panula, des großen, kauzigen, wortkargen finnischen „Maestro der Maestros“, der mit Motorsägen genauso virtuos umzugehen weiß wie mit ehrgeizigen Dirigierschülern. Carsten Niemann

Infos: www.europamusicale.eu

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