Kultur : Nordwind

Generationswechsel im Berliner Konzerthaus

Frederik Hanssen

Diesmal hat sich Klaus Wowereit für die größtmögliche Lösung entschieden: Stolze 1,96 Meter misst der Kulturmanager Sebastian Nordmann, der ab September 2009 neuer Intendant im Konzerthaus am Gendarmenmarkt werden wird. Nomen ist in seinem Fall tatsächlich omen: Der 1971 in Kiel geborene, in Hamburg aufgewachsene Nordmann hat sich seit 2002 als künstlerischer wie kaufmännischer Leiter der Musikfestspiele Mecklenburg- Vorpommern einen Namen gemacht. Er ist studierter Musikwissenschaftler, hat seine Doktorarbeit über das Schleswig-Holstein-Musikfestival geschrieben und zwei Jahre bei einem Unternehmensberater gearbeitet, bevor er die Kulturmanagerlaufbahn einschlug. Seit Kurzem ist er zudem Professor mit dem Spezialgebiet Karriereplanung an der Rostocker Musikhochschule.

Am späten Montagnachmittag läuteten Klaus Wowereit und sein Kulturstaatssekretär André Schmitz höchstpersönlich bei einer Pressekonferenz den Generationswechsel ein: Ein smarter Klassik-Broker des 21. Jahrhunderts folgt auf einen Dialektiker der alten Schule. Mag der scheidende Konzerthaus-Chef Frank Schneider seinem Nachfolger auch nur bis zur Schulter reichen, er hat seit 1992 Herausragendes geleistet. Unter seiner Ägide wurde das Schinkel- Schmuckstück zum Ort innovativer Musikgeschichtsbefragung wie auch zur Brutstätte neuer Werke. Mit sanftem, unbeirrbarem Widerstand gegen modernes Zielgruppendenken hat Schneider seine Programmlinien verfolgt, seine Themen gesetzt. Wenn er sich nun in den Ruhestand verabschiedet, hinterlässt er ein Haus mit gutem Ruf, 13 000 Abonnenten – und einem Problem weniger: Die Not des seit langem stark unterfinanzierten Konzerthausorchesters wird nämlich zumindest temporär gelindert, denn die Unternehmensgruppe Tengelmann spendiert als Sponsor in den kommenden drei Jahren insgesamt 1,5 Millionen Euro. Und der Senat setzt darauf, dass Sebastian Nordmann weitere Mittel beschaffen kann: Dass ihm der Ruf eines erfolgreichen Sponsoren- Fängers vorauseilt, dürfte bei der Ernennung durchaus eine Rolle gespielt haben. Seine Musikfestspiele Mecklenburg-Vorpommern werden zu 52 Prozent von Förderern aus der Wirtschaft und Mäzenen finanziert, 38 Prozent kommen aus dem Ticketverkauf, lediglich zehn Prozent schießt das Bundesland zu.

Und doch eines spricht für den Neuen: Er besitzt im Umgang mit seinen Mitmenschen alle positiven Eigenschaften eines Justus Frantz – aber eben nicht dessen Ehrgeiz, auch ein bedeutender Künstler sein zu wollen. Mit dem gleißenden Selbstbewusstsein eines hanseatischen Chefarztsohnes, der in besten, kunstsinnigen Kreisen aufgewachsen ist, bewegt er sich in der Öffentlichkeit, weiß sich mit chamäleonhafter Souveränität auf seine Gesprächspartner einzustellen, ein Charmeur mit Künstlermähne, der im Anzug geboren scheint, ein Strahlemann und dreifacher Familienvater obendrein. Kulturmenschen dieses Kalibers kann Berlin gut gebrauchen. Frederik Hanssen

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