Kultur : „Normalität ist die wahre Gefahr“

Regisseur Andres Veiel bringt den Fall Potzlow in Berlin auf die Bühne. Gespräch mit dem Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer

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Vor drei Jahren haben im brandenburgischen Potzlow drei rechtsradikale Jugendliche einen Gleichaltrigen barbarisch gefoltert und ermordet. Der Regisseur Andres Veiel („Black Box BRD“) hat mit den Tätern, mit Eltern und Freunden gesprochen und aus diesen Recherchen ein dokumentarisches Theaterstück gemacht, das er am Berliner Maxim Gorki Theater inszeniert (Premiere am 24. April). Der Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer äußert sich über die Ursachen solcher Verbrechen.

Herr Heitmeyer, Sie untersuchen seit vielen Jahren die Zusammenhänge zwischen sozialer Ausgrenzung und Gewalt. Ist der grauenvolle Mord in Potzlow nur ein Einzelfall oder steht er für weitreichende gesellschaftliche Fehlentwicklungen?

Die grenzenlose Brutalität ist niederschmetternd. Wichtig sind die Mechanismen der sozialen Desintegration, mit denen solche Gewalttaten zusammenhängen. Immer mehr Menschen fallen aus den Zugängen zum Arbeitsmarkt, zur Bildung, zum Konsum heraus. Sie werden nicht gehört und können an den öffentlichen Auseinandersetzungen nicht teilnehmen. Wenn dazu noch das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, und instabile soziale Zugehörigkeiten kommen, entsteht etwas Brisantes, nämlich negative Anerkennungs-Bilanzen. Kein Mensch kann ohne Anerkennung leben. Das bedeutet gerade bei Jugendlichen, dass sie sich Anerkennung besorgen, zu welchem Preis und auf wessen Kosten auch immer.

Das klingt, als würde sozialer Ausschluss automatisch zu Gewalttaten führen?

Nein, keineswegs automatisch. Bei manchen führt das eher zur Depression oder Apathie. Andere suchen Macht – und Gewalt ist immer eine Machtdemonstration.

Sie sprechen von einer „negativen Anerkennungsbilanz“. Kompensieren Gewalttäter das, indem sie ihre eigene Hierarchie herstellen und andere demütigen?

Zur eigenen Aufwertung wertet man andere ab. In Potzlow mündete dieser Mechanismus in einer Entgrenzung von Gewalt. Die Jugendlichen haben sich in ihrem Gefühlsrausch natürlich als mächtig erlebt. Das kann man auch an anderen Fällen beobachten, zum Beispiel bei Menschen, die Amok laufen. Sowohl in Littleton als auch bei dem Amoklauf in einem Indianerreservat in den USA wurde berichtet, dass die Amokläufer in dem Moment, in dem sie schossen, ein Grinsen im Gesicht hatten. Das eigene Machtgefühl wird den anderen gezeigt. In Littleton waren die Amokläufer in der Schule gehänselt worden. Sie haben sich zwei Gruppen ausgesucht: Sportler, die in amerikanischen Schulen traditionell eine hohe Anerkennung genießen, und Hispanics, die in der sozialen Anerkennungshierarchie ganz unten stehen. Gegenüber den Hispanics drücken die Täter ihre Verachtung aus. Gegenüber den Sportlern demonstrieren sie erstmals eigene Macht.

Haben Sie in Ihren Untersuchungen zur „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ ein Anwachsen der Gewaltbereitschaft in Deutschland beobachtet?

Dort, wo die Menschen Desintegrations-Ängste haben, sind die Abwertungen von Juden, Ausländern, Homosexuellen am höchsten. Aber wenn sich die Medien auf jugendliche Gewalttäter konzentrieren, täuscht das darüber hinweg, dass die Einstellungsmuster bei Erwachsenen häufig viel abwertender sind. Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit sind bei Älteren deutlich stärker verbreitet. Wir haben für unsere Studie jährlich 3000 Personen befragt, und da zeigt sich, dass in der politischen Mitte erhebliche menschenfeindliche Äußerungen vertreten werden. Diese Mentalität liefert die Legitimation von Gewalt.

Das Mordopfer von Potzlow war kein Ausländer, sondern ein Jugendlicher aus dem gleichen Dorf. Das Opfer und die Mörder aus der Skinheadszene kannten sich gut. Das Opfer wurde stundenlang geschlagen, die Täter urinierten über ihm und forderten ihn immer wieder auf, zuzugeben, dass er „ein Jude“ sei. Ist das Ausländerfeindlichkeit ohne Ausländer?

Das ist ein bekanntes Muster. Man stellt Ungleichwertigkeit durch neue Kategorisierungen her: „Sag, dass du Jude bist.“ Bei Gewaltanwendung benötigt man gewöhnlich Legitimationen, und seien sie noch so kraus. Das Besondere in Potzlow war, dass sich eine expressive Gewalt entwickelte. Die Normalformel „Ich wende Gewalt an, weil du mein Feind bist“, wird ersetzt: „Ich wende Gewalt an, weil es schön ist, gewalttätig zu sein.“Legitimationen werden überflüssig. Das Opfer wird austauschbar. Das ist eine besonders gefährliche Gewaltform, weil sie nicht kalkulierbar ist. Eine Vorwarnzeit existiert nicht.

Der Gewaltexzess hatte Vorbilder. Das Opfer musste seinen Oberkiefer auf einen Betontrog legen. Dann sprang einer der Täter auf seinen Kopf. Später gab er an, dazu von einer Szene des Films „American History X“ inspiriert worden zu sein.

Die Kanalisierung kann durch solche Muster geschehen. Aber die Frage, ob ich es tue, ist von ganz anderen Dingen abhängig. Diese Jugendlichen sind gesellschaftlich desintegriert, gleichzeitig leben sie in einem homogenen sozialen Kontext in ihrem Dorf. In Ostdeutschland muss man beobachten, inwiefern sich die ländlichen und kleinstädtischen Gebiete auf Grund von Abwanderung, etwa von Leistungsstarken, sozial in einer Abwärtsspirale bewegen. Gefährlich wird das, wenn sich gleichzeitig homogenere Einstellungsmuster – gegen Fremde beispielsweise – entwickeln, die Menschen sich wechselseitig bestätigen und die Gegenkräfte auf diese Weise schweigsamer werden.

Die Mutter, deren Sohn von Rechtsradikalen umgebracht wurde, sagte nach dem Mord, dass für deutsche Jugendliche nichts getan wird, dass die Politiker sich nur um Ausländer kümmern. Ist das ein extremes Beispiel dafür, wie selbstverständlich Ausländerfeindlichkeit werden kann?

Das sind die Normalitätsstandards, die sich in diesen homogen Milieus entwickeln können. Das Problem ist, dass man alles, was als normal gilt, kaum problematisieren kann. Solche Normalitätsstandards scheinen die Ordnung zu gewährleisten, die man dann von angeblich gefährlichen Minderheiten bedroht sieht. Diese Ordnung will man mit der Abwertung und Ausgrenzung von Minderheiten stabilisieren. Entschlüsseln lässt sich das Problem nur, wenn man sich die dort geltenden Normalitätsstandards genau ansieht. Tut man das nicht, erscheint eine Tat wie die in Potzlow als etwas, was mit unserer Gesellschaft nichts zu tun. Man sondert die Täter gewissermaßen aus der scheinbar intakten Gesellschaft aus.

Diese verschobenen Vorstellungen von Normalität drücken sich zum Beispiel in Brandenburg nicht unmittelbar im Wahlverhalten aus. Verändert diese Entwicklung von Mentalitäten trotzdem das politische Klima?

Die großen Volksparteien können dadurch unter Druck geraten. Das sind die Mentalitäten auch eines Teils ihrer Wählerschaft. Bei knappen Wahlausgängen könnte man versucht sein, diesem Druck nachzugeben. Das ist derzeit noch nicht der Fall, Gott sei dank. Aber wenn sich diese mentalen Verschiebungen verstetigen, könnte das ein Problem werden.

Ist das, was in Potzlow geschehen ist, ein ländliches Phänomen – oder ist es genauso gut in einer Großstadt möglich?

Man kann beobachten, dass bei Jugendlichen, die stark auf ihren eigenen sozialen Kontext verwiesen sind und nicht ausweichen können, die Gewaltanfälligkeit höher ist. In den Großstädten haben Jugendliche andere Möglichkeiten, dem Gruppendruck auszuweichen. Das ist in ländlichen Gebieten schwieriger. Gruppen verleihen Status und Macht, und im Austausch muss der Einzelne dann den Gruppennormen entsprechen. Trotzdem ist das, was in Potzlow geschehen ist, kein Problem des flachen Landes – denken Sie an den Amoklauf von Erfurt.

Das Gespräch führte Peter Laudenbach.

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