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Norwegen-Attentat : Geistige Brandstiftung: Wort und Mord
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In dieses Spiel und den Kommentar kommt Broder aber dadurch, dass sich Killer Breivik in seinem Internet-Pamphlet auf einen Blogger namens „Fjordman“ bezieht, der seinerseits auch einzelne Äußerungen Broders zustimmend zitiert hat. Statt nun zumindest das allseits bekannte, hier gleichwohl übereinschlägige Phänomen des Beifalls von der falschen Seite zu bemühen, beginnt Bommarius ein sophistisches Stochern in Broders alten Artikeln. Um zwischenrein freilich zu konzedieren, dass es „demagogisch“ wäre „Broder und andere Islamophoben zu geistigen Brandstiftern zu erklären“.

Trotzdem wird an den ziemlich widerlichen Billigthriller „Tal der Wölfe“ erinnert, bei dem ein türkisch-arabisches Kommando heldenhaft eine Schar sadistischer, krimineller US-Soldaten im Nahen Osten zusammenballert und nebenbei für anti-israelische Anspielungen sorgt: unter dem (gelegentlichen) Beifall türkisch-stämmiger Kids auch in deutschen Kinos. Broders Kritik an dem – fünf Jahre alten – Film soll nun zum Erweis einer Anti-Migrantenhaltung innerhalb eines diffus bleibenden Aggressionsmilieus dienen. Wobei der Kritiker des Kritikers selber von der „latente(n) Gewaltbereitschaft in der deutschen Gesellschaft isolierter Migrantenkinder“ spricht. Das freilich klingt so rührend wie verschleiernd und ist genau der Polit-Korrekt-Sprech, der auch muslimisch und türkisch geprägte Islamismuskritikerinnen wie Nekla Kelec oder Seyran Ates aufregt.

Aber warum das alles? Keiner will keinen als „geistigen Brandstifter“ bezeichnen, indes nennt man Namen und suggeriert Nähen, was selbst noch in der Verneinung etwas haften lässt. Wie bei Marc Antons Rede in Shakespeares „Julius Caesar“: But Broder is an honorable man.

Berlin trauert mit Norwegen
Vor den Nordischen Botschaften zeigt ein Meer von Blumen die Anteilnahme der Berliner.Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: dapd
25.07.2011 11:57Vor den Nordischen Botschaften zeigt ein Meer von Blumen die Anteilnahme der Berliner.

Tatsächlich bedeutet ein nicht ganz unintelligenter Mann, der mordet, aber vorher immerhin 1500 Seiten schreibt, für Intellektuelle eine Herausforderung. Man ist sogar im Innersten fast gekränkt, wenn so einer überhaupt Kafka kennt oder nennt. Und es gibt die in anderen Zusammenhängen oft ersehnte Vorstellung, dass das Wort auch Macht habe. Sogar die Macht der Tat. Der Verwandlung von Einsicht in praktische Aussichten, von Dichtung in Wirklichkeit. Die Romane von Dickens haben in Großbritannien einst zum Verbot der Kinderarbeit beigetragen, Emile Zolas Justizkritik hat im Fall Dreyfus zu später Gerechtigkeit geführt, Beecher-Stowes „Onkel Toms Hütte“ Amerikas schlechtes Gewissen gegenüber der Sklaverei der Schwarzen befördert.

Georg Büchner warnte in „Dantons Tod“ davor, dass aus Hirngespinsten Gewalttaten würden („Die Sünde liegt im Gedanken“); und die mehr als symbolische Kraft von Worten und literarischen Werken bewies in anderer Weise nur zu sehr Heinrich Heines Vorhersage, dass dort, wo Bücher brennen, auch Menschen brennen werden. Dennoch vollzieht sich Weltgeschichte, ereignen sich Gut und Böse kaum einmal auf Grund simpler, gleichsam monokausaler Ursachen.

Oft ist die Realität komplizierter als die Fiktion. Es führt kein direkter Weg von Marx zum Massenmord in den Gulags. Man kann in Hitlers „Mein Kampf“ zwar den Judenhass lesen und sogar schon das Gas riechen, aber Hitlers Aufstieg und die NS-Diktatur waren nicht durch das verquaste Buch bedingt.

Umgekehrt kann man jetzt auch sagen, der unselige Mörder habe die islamistischen Selbstmordattentate imitiert, nur ohne den Selbstmord. Jean-Paul Sartre hatte dazu angemerkt, das Absurde beim Selbstmord sei, dass der Selbstmörder die Früchte seiner Tat nicht mehr genießen könne. Nun muss man bei dem Mann in der Gefängniszelle von Oslo, der nicht an die paradiesischen Jungfrauen glaubt und auf Erden mit demonstrativ selbstzufriedenem Grinsen die Folge seiner Taten zu genießen scheint, nicht auch noch Sartre-Studien unterstellen. Die moralische Integrität der Öffentlichkeit wird dagegen erst auf die Probe gestellt, wenn Breivik im Gefängnis auch noch ein Buch schreibt, über seinen Kampf.

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