Kultur : Nostalgie im Roten Bock

Ein

MITSCHUNKELN von Peter Laudenbach Wenn Frank Castorf in die Charmeoffensive geht, muss man sich das so vorstellen: Er zieht sich einen adretten Anzug an, setzt sein freundlichstes Schwiegersohnlächeln auf und inszeniert für das Publikum der Ruhrfestspiele Recklinghausen gemeinsam mit dem Musiker Franz Wittenbrink den harmlosesten Castorf-Abend aller Zeiten: „Brüder zur Sonne zur Freiheit“. Und weil die Ruhrfestspiele („Kunst gegen Kohle, Kohle gegen Kunst“) vom DGB mitgetragen werden, widmet sich der „Arbeiterliederabend ohne Verdi“ auf die allercharmanteste Weise dem proletarischen Liedgut. Vom „Einheitsfrontlied“ bis zu John Lennon und Ton Steine Scherben („Ich will nicht werden, was mein Alter ist“) – eine kleine Agitprop-Revue, die die letzten 150 Jahre Arbeiterbewegung umstandslos weichspült, verzuckert und der Spaßgesellschaft zum Fraß vorwirft: Brüder zur Sonne, zur Freizeit. Ein Abend im Roten Bock.

Einerseits: eine Zumutung, die vollaffirmative Entertainment-Hölle, eine Übung in Nostalgie mit roter Fahne. Andererseits: Ist das nicht der denkbar hinterhältigste Kommentar zur Lage der Gewerkschaften – ein schunkelnder Nostalgieverein, der sich am Lagerfeuer vergangener Kämpfe wärmt, weil damals die Fronten so schön übersichtlich waren? Wenn deutsche Arbeitnehmer heute mit Arbeitern in Billiglohn-Ländern der dritten Welt um Jobs konkurrieren und zum Beispiel Siemens öffentlich darüber nachdenkt, seine Produktion nach Asien und Osteuropa zu verlagern, wird es etwas komplizierter mit der Solidarität der Arbeiterklasse. Und während sich das Ruhrgebiet zum subventionierten Freizeitpark und Großmuseum der Industriegeschichte verwandelt, liefert Castorf als neuer Festspielchef den Soundtrack. Der bringt wie nebenbei zum Ausdruck, dass die schönen alten Parolen nur noch zum Schunkeln und Kalauern taugen: „Dann sing ich halt ,Roter Wedding’, da geht’s schließlich auch um eine Hochzeit.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben