Kultur : Nostalgie und Amnesie

FRANK PETER JÄGER

"Als wir unter Architekturstudenten 1990 ein Ranking aufmachten, welche Gebäude in der Stadt als erstes abgerissen gehörten, da standen das DDR-Außenministerium und das Neue Kreuzberger Zentrum ganz oben auf unserer Liste." Mit Äußerungen wie dieser versuchte der Architekt und Journalist Nikolaus Bernau Widerspruch zu provozieren in einer Debatte, die dem gefährdeten architektonischen Erbe der sechziger und siebziger Jahre in Berlin galt."Bauen und Planen zwischen Nostalgie und Amnesie" lautete das Motto der von Bündnis 90 / Die Grünen initiiert Diskussion.

Berlins Senatsbaudirektorin Barbara Jakubeit als aktuelle Akteurin der Baupolitik, Architekturtheoretiker Bruno Flierl als Anwalt der modernen DDR-Architektur standen dabei für höchst gegensätzliche Positionen.Doch zunächst war man sich einig: der derzeitigen städtebaulichen tabula rasa drohen zahlreiche fraglos erhaltenswerte Ensembles zum Opfer zu fallen.Der Gleichklang endete, als die Rede auf konkrete Fälle kam: Für Barbara Jakubeit ist beispielsweise der Abriß des Schimmelpfeng-Haus am Berliner Breitscheidplatz unabdingbare Voraussetzung für eine Aufwertung dieses Bereichs.Für den Architekturhistoriker Wolfgang Kil, der unter den Zuhörern war, bedeutet hingegen sein Verlust die irreparable Beschädigung des Platzgefüges um die Gedächtniskirche.Ganz ähnlich lagen die Fronten in der Frage nach Erhalt oder Abriß von polnischer und ungarischer Botschaft Unter den Linden.

Für Podiumsteilnehmerin Iris Reuther, Stadtplanerin aus Leipzig, fehlt es in Berlin an Reflexion und Gelassenheit bei der Debatte um Abriß oder Erhalt von Bauten.Ein Zuhörer monierte, daß die Parteinahme zugunsten Ensembles und Gebäude der siebziger Jahre auf dem Podium allzu defensiv daherkomme.Diese Epoche zeugten von einer großen Demokratisierung des Alltagslebens, die sich deutlich in ihren Bauten spiegele.Diese Qualitäten drohe der aktuelle, von Privatisierungsdruck geleitete Stadtumbau zu verspielen.

Tagesspiegel-Autor Bernau gab zu bedenken, daß die Argumente, die heute zugunsten der gründerzeitlichen Mietshausstadt und gegen die Ensembles der siebziger Jahre vorgebracht würden, zum Teil bis aufs Wort den Pamphleten glichen, die 1910 den Einbruch der wuchernden Mietskasernenstadt ins historische Berlin beklagten.Vielleicht, so Bernau, "werden wir den Plattenbauten in zwanzig Jahren ähnliche Wertschätzung entgegenbringen wie heute den Gründerzeitquartieren, die in der Zeit ihrer Erbauung als Inkarnation baulicher Unkultur galten".

In der City-West wie im Zentrum Ost drohe die Demontage von maßgeblichen siebziger-Jahre-Ensembles in Scheibchen-Taktik, beklagte Wolfgang Kil."Ist das Schimmelpfeng-Haus erst abgerissen, verliert der gesamte Platzraum seine bauliche Geschlossenheit" - was dann die Argumentation zum Abriß weiterer Bauten der Epoche erleichtere.Eben diese Perspektive befürchtet Bernau für das denkmalgeschütze "Haus des Lehrers" am Alexanderplatz, wenn daneben erst die Hochhäuser Hans Kollhoffs in den Himmel ragen.

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