Kultur : Nostalgisches Portrait eines Neffen

CHRISTINA TILMANN

Der Autor Leslie Epstein erinnert an das Hollywood der 40er JahreVON CHRISTINA TILMANNEr spielte mit Arnold Schönberg Tennis, mit Tony Curtis Billiard.Thomas Mann kam zum Essen ins Haus seiner Eltern, und am sonntäglichen "writers table" wurde die 15jährige Liz Taylor umschwärmt.Hätte Leslie Epstein ein Poesiealbum geführt, es würde vor berühmten Namen nur so überquellen.Denn der amerikanische Autor wurde hineingeboren in die Glamour-Welt des Hollywood der 40er Jahre: Sein Vater, Philip G.Epstein, war einer der beiden legendären "Epstein-Twins", und schrieb gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Julius unter anderem das Drehbuch zu "Casablanca" und "Arsen und Spitzenhäubchen". Philip und Julius Epstein arbeiteten als Drehbuchautoren für Warner Bros., mit denen sie eine jahrelange Fehde wegen nicht eingehaltener Verträge und verspäteter Lieferung verband.Während des Krieges unterstützten sie als Autoren für Frank Capras "Why we fight"-Serie die amerikanische Kriegspropaganda.Einer Vorladung vor McCarthys "Ausschuß für unamerikanische Aktivitäten" begegneten sie mit überlegenem Witz.Ihr ehemals Mary Astor gehörendes Haus am San Remo-Drive war ein beliebter Treffpunkt der Exilszene in Hollywood. Den beiden kahlköpfigen, unzuverlässigen, spitzzüngigen Epstein-Twins und ihrer Welt hat der Sohn nun ein 500seitiges Denkmal gesetzt: "Der Narr von Hollywood", Ende März auf deutsch im Claassen-Verlag erschienen, liest sich als Schlüsselroman der deutschen Emigrantenszene in Hollywood.500 Seiten - 500 Anspielungen: Marlene Dietrich und ihre Beziehung zu Victor von Stroheim, Ingrid Bergman und Humphrey Bogart auf dem Dreh zu Casablanca, die Klatschkolumnen der Louella Parson, die Produzenten Warner, Irving Thalberg und Harry Cohn und den Erzähler Peter Lorre rekrutiert er zu einem nur leicht verfremdeten Hollywood-Portrait.So gerät die Fährtensuche zum Hauptvergnügen des Buches: "Je mehr man über die Zeit weiß, desto besser", rät Epstein dem Filmfan.Das gilt auch für seine Leser. Nur mühsam fügt sich dagegen eine Fabel in Epsteins fabulöses Panorama.Das aberwitzige Projekt des charismatisch-diktatorischen Regisseurs von Beckmann, der in der Wüste von Nevada Antigone als Western und zugleich als Parabel auf Hitlers Schreckensherrschaft in Europa drehen will, schafft starke Szenen und reflektiert viele Vorbilder: Max Reinhardts Welttheater mit seiner legendären "Jedermann"-Inszenierung in Salzburg, der tyrannisch-unmäßige Regisseur Erich von Stroheim mit seinem sieben-Stunden-Projekt "Greed" und Charlie Chaplins Parabel auf den "großen Diktator". Filmisch genug ist manche Romanszene geraten, um an eine baldige Verfilmung zu denken.Und Epstein hat auch schon einen Wunschregisseur im Kopf: Werner Herzog soll es nach seinen Vorstellungen sein, zu dessen grandiosen Filmpanoramen er eine Geistesverwandtschaft fühlt.Anlaß genug für den Filmfan, ein Hohelied des europäischen Films zu singen, der ihn, mehr noch als die klassischen Hollywood-Filme, in seiner Jugend geprägt hat: Statt mit dem "Kino der Väter" hält er es mit den Söhnen Fellini, Truffaut, Bergman und Godard. Was nicht verhindert, daß er immer wieder in die Zeit seiner Väter zurückkehrt.Hollywood und der Holocaust heißen die Konstanten seiner Bücher.Im Roman zitiert eine Figur Miltons "Lost Paradise".Das verlorene Paradies, das Epstein betrauert, ist gleich ein zweifaches: Die reiche jüdische Kultur in Deutschland vor Einbruch des Nazischreckens, und die goldene Zeit Hollywoods unter der Ägide der jüdischen Regisseure und Produzenten.Daß die europäische Kultur heute langweilig und mittelmäßig ist, lastet er dem gewaltigen Aderlaß an, der ihr in den 30er Jahren nicht nur einen Großteil der Kulturschaffenden, sondern auch das interessierte, weltoffene Publikum entzog.

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