Kultur : Not und Tugend

Michaela Nolte

Wie schon bei der Malerei Paco Knöllers bestimmen mystische Kürzel auch seine Druckgrafiken. Nervös-kritzelige Striche deuten Figurationen knapp an, verweilen im Ungefähren und eröffnen der Fantasie in kräftigen Farbfeldern weitläufigen Raum. Der Titel "Useless thoughts II" verweist auf die menschliche Kreatur und ihre Verstrickungen in der Ratio. Wie Hirnfasern ergießen sich rote Linien vom schädelartigen Oval in goldgelbe Farbzonen, komplementieren lichtes Grün und leuchten im Tiefblau. Das Spannungsgefüge aus expressivem Lineament und emotional aufgeladener Farbigkeit findet in den klaren, geometrischen Feldern seine Balance.

Selbstzitat als Prinzip

Der Holzschnitt aus den Jahren 1993/94 gehört mit einem anmutig leichten Hochformat aus der Serie "The blind leading the blind" und dem "Knochenraum III" zum Bestand des Kupferstichkabinetts, das dem Wahlberliner nun im Hamburger Bahnhof die erste umfassende Ausstellung seiner Drucke widmet. Das der Grafik innewohnende Moment der Reproduzierbarkeit vervielfältigt der Künstler durch den Einsatz jedes Holzstocks in gleich mehreren Arbeiten. Doch ist es nicht Not, die ihn zur Tugend zwingt - das Selbstzitat hat Knöller bereits in den achtziger Jahren zum Prinzip erkoren.

Ein gut bekannter Motivkanon erklingt denn auch in den monumentalen Schnittwerken. Die gleiche Vorlage taucht unter anderem im oszillierenden "Magentaschnee" auf, um dann in "Meerische Arbeit II" zusätzlich von den pflanzenartigen Strukturen aus "R." überlagert zu werden. Mag sein, dass Knöller seine eigenen Chiffren und Embleme heute nicht mehr wirklich wichtig nimmt. Denn zum Recycling gesellt sich in den neuen Arbeiten eine Farbgewalt, der weder die fragile Zeichenhaftigkeit noch der Holzschnitt-Charakter stand halten.

Knöller trägt die Farbe direkt mit der Walze auf das Papier. Der Gebrauch von Offset-Farben soll "Gegenwärtigkeit" vermitteln. Die grellbunten Anleihen aus der Club- und Clip-Kultur wirken bei dem 51-jährigen Beuys-Schüler jedoch eher angestrengt. Knöller steigert die poppigen Offset-Farben zudem mit einem extrem pastosen Auftrag.

An Ölgemälde soll das erinnern, vermittelt im leblos flachen Grundstoff jedoch eher den Charme modischer Tischtücher. Dazwischen twomblyt, richtert und polket es. Skripturen, die durch ihre Dimension und bisweilen glückliche Verknüpfungen einen Eigenwert entwickeln, entpuppen sich in der Wiederkehr als selbstbezügliche Redundanz. Wo das Druckwerk einmal zu Konzentriertheit und dichtem Farb- und Formgefüge findet, fügt der Künstler mit "O I" und "O II" zwei Blätter zu einem zusammen, als würde er der Kraft der einzelnen Arbeit nicht trauen.

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