Kultur : Notgroschen

„Credits“: das unsichtbare Geld in den Sophiensälen

Jan Oberländer

Ein gelblich leuchtendes Paket schwebt im stockfinsteren Raum. Es soll eine Hotelkette darstellen. Ein rosafarbenes Päckchen schwebt daneben, das ist die Venture-Kapital-Firma, die in die Hotelkette investieren soll: Im Hintergrund schimmert giftgrün der Konkurrenzkonzernkarton. So beginnt „Credits“, mit einer Abstraktion, einem Planspiel aus einem Paralleluniversum, in dem nur Zahlen zählen, und in dem Menschen nicht vorkommen. Dann, als das Licht angeht und Doey Lüthis Bauruinenbühne sichtbar wird, beginnt das Rattenrennen ganz konkret: Der grundehrliche Alfons Heckel (Stephan Korves) hat endlich alle Finanzierungszusagen beisammen, um sein Jugend-Sporthotel zu verwirklichen. Allerdings kündigt ihm die Bankerin Frau Prinz (Naemi Schmidt-Lauber) sofort den Kredit, als ihr Axel Strothmann als fieser Spekulant Sigisbert von Alweslow einen besseren Deal vorschlägt. Arme Loser sind auch Anke (beeindruckend abgewrackt: Katharina Eckerfeld), die Ytong-Steine bei Ebay verkauft, und der schultergepolsterte Hotelkoch Ralph (Sven Tjaben), der aus Job und Wohnung fliegt, sich glücklos abstrampelt und schließlich seiner Nachbarin (Natascha Bub) den Notgroschen klaut. Nicht einmal Petra Wolf als Finanzbeamtin („Ich bin das Steuerschuldrecht, der Gesellschaftskonsens, die Verfassung!“) kann in der wilden Wirtschaftswelt für Ordnung sorgen. Für Sekunden verfällt das gesamte Ensemble in lärmende Roboterbewegungen, rattert und dengelt. Schon klar: Wir alle sind nur kleine Rädchen in einer großen, gefühllosen Maschine.

Eineinhalb Jahre haben Autor Henning Bochert, Regisseurin Nora Somaini und deren Schauspiellaborgruppe „Rotolux“ recherchiert, Kredithaie und Börsenprofis ausgehorcht und die Biografien von Gläubigern und Schuldnern nach theatralisch Verwertbarem durchsucht. Doch so sehr das Thema in Berlin auch ins Schwarze treffen mag, so sehr enttäuscht das Resultat. Die Figuren wollen mehr sein als Repräsentanten des gesammelten Wirklichkeitsmaterials. Die werden dann aber so plakativ gespielt, dass nicht Fallbeispiele, sondern Klischees entstehen. Am Ende relaxen Siggi und seine Geschäftskonkurrentin in einer Suite: „Vielleicht arbeiten wir ja mal zusammen.“ „Warum eigentlich nicht?“ Es klingt wie eine Drohung.

Wieder am 16., 17., 19., 22.-26. 11.

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