Kultur : Notopfer Döblin

Rückkehr an den Ort des Verbrechens: Frank Castorfs „Berlin Alexanderplatz“ im Berliner Palast der Republik

Peter Laudenbach

Der Mann wirkt gefährlich, aber das täuscht. Er tigert an Bretterverschlägen, Absturzkneipen, Ramschecken, Billigbordellen, miesen Absteigen vorbei. Ein Ziel hat er nicht, aber irgendetwas treibt ihn weiter. Die ganze Welt ist für diesen gehetzten, dumpfen Menschen nichts als eine Mauer, an der man sich den Schädel einschlagen kann: Max Hopp spielt diesen Franz Biberkopf als schweren, schwitzenden, nervösen Mann. Im Wohncontainer über ihm sieht man durch die Fenster eine Frau mit blonder Perücke und scharfem Bikini. Während sie auf Kundschaft wartet, läuft in ihrem Fernseher David Lynchs „Lost Highway“. Genau da sind wir gelandet: auf dem Highway der verlorenen Seelen, einem Highway zur Hölle. Hier gehen Gespenster um, die zusammen mit Schiebern, russischen Nutten, Gelegenheitsmördern, Eckenstehern und traurigen Desperados einen Totentanz feiern: Zeittotschläger auf ihren Wegen durch die Nacht.

Frank Castorf ist wie ein Verbrecher, den schwere Träume quälen, an den Tatort – Berlin, Alexanderplatz – zurück gekehrt, jedenfalls fast. Und jetzt verbringen wir mit seinen Nachtgestalten viele, viele mehr oder weniger schlaflose Stunden. Vor vier Jahren hat der Volksbühnenchef weit entfernt vom Berliner Treiben den berlinischsten aller Berlin-Romane inszeniert: Döblins „Berlin Alexanderplatz“, ausgerechnet in Zürich. Ein räudiger Großstadtroman in der kleinen, vornehmen Geldstadt. Stöhnten die Rezensenten bei der Züricher Premiere über einen konfusen, sich zäh verlierenden Abend, sieht man – zum Abschluss der „Spielzeit Europa“ der Berliner Festspiele – die traurig-menschenfreundlichste Castorf-Inszenierung seit langem.

Und das hier! Vor dem Abriss: In der eiskalten, muffigen Ruine des Palasts der Republik, einer Art Endlager für den ideologisch kontaminierten Müll der deutschen Geschichte, findet sich nun Bert Neumanns Straßenzug der Wohncontainer wieder. Zwischen den rohen Eisenstreben und dem nackten Waschbeton der Palastruine wirken Castorfs Döblin-Figuren noch verlorener, als sie es ohnehin sind. Dann sitzen sie auf den weißen Plastikstühlen vor weißen Plastiktischen in der neonhellen Kneipe, schweigen dumpf oder stolpern durch ihre Redeanfälle. Oder sie wälzen sich ineinander gekrallt in den Pfützen auf dem Beton, in einem Anfall von etwas, das aus der Ferne fast wie Liebe aussieht.

Lange zentriert sich die Aufführung nicht auf die Geschichte des Franz Biberkopf, der einen falschen Freund und eine echte Geliebte findet, der Zeitungen verkauft und in ein Verbrechen gezogen wird, dem seine Gangsterfreunde den Arm abfahren mit ihrem Auto, der säuft und sich von einer Geliebten aushalten lässt und immer weiter in sein Verderben treibt. Lange Zeit wird das nur nebenbei, fast zufällig angerissen. Castorf lässt sich Zeit, der Plot ist nicht so wichtig. Biberkopfs Geschichte ist erstmal nur ein guter Vorwand, seltsame Vögel vorzustellen, die sich irgendwie durchschlagen. Willi zum Beispiel, gespielt vom bestens gelaunten Herbert Fritsch – ein Mann, der gerne und viel redet und T-Shirts auf der Straße verkauft: „Echt aus Taiwan, nur 70 Euro das Stück“.

Oder Pums (Hendrik Arnst), ein Klotz von einem Mann. Hauptberuflich ist er Straßengangster, aber in freien Stunden macht er sich auch so seine Gedanken über das Theater. „Der anmutige Humor muss zerstört werden“, dröhnt er dann, „wie die Stadt Karthago von den Römern zerstört wurde.“ Und tatsächlich: Mit seinem Auftritt zerstört Arnst alle Spuren anmutigen Humors brachial: Rumms. Wie in Döblins Roman Straßenlärm, Schlagzeilen und Schlager in Biberkopfs Geschichte hineinsickern, so baut Castorf seine Nummern, Slapsticks und schmutzigen Witze in die Geschichte ein. Und bleibt dabei in der Nahaufnahme erstaunlich milieugenau.

Eher nebenbei robbt sich der Abend langsam an sein Zentrum heran: Biberkopf. Biberkopf und sein falscher Freund Reinhold (Marc Hosemann): „Ich bi-bi-bin A-A-A-A-Anarchist.“ Reinhold und seine Geliebte Mieze, die für ihn auf den Strich geht und am Ende von Reinhold vergewaltigt und ermordet wird. Bibiana Beglau spielt sie denkbar unsentimental und mit einer Heftigkeit, die jeder hysterischen Kreischattacke – und davon gibt es viele – archaische Wucht und Würde verleiht.

Nicht nur Straßenkrach und Geschrei durchziehen Döblins Roman. Hinter den Szenen aus der Gosse öffnet sich mit Leitmotiven in biblischer Sprache und Zitaten aus den Psalmen ein großer, mythengesättigter Resonanzraum. In ihn lässt Castorf seine Figuren hineinstürzen. „Der Herr, unser Gott, befiehlt es. Schrei doch nicht mein Kind, ich muss dich opfern, unser Herr befiehlt es. Der Vater sticht zu, Gott will es, Halleluja!“ Biberkopf: das Opfertier. Anders als Döblin, der Biberkopfs Weg als eine Art Läuterung versteht, kommt bei Castorf am Ende nicht der neue Morgen, sondern der Tod. Aber weil der Tod von einem grinsendem Herbert Fritsch gespielt wird, hat sogar Biberkopfs Ende Aberwitz und Komik.

Palast der Republik, heute sowie vom 27. bis 29. 6., 1. bis 3. und 5. 7. Infos: www.berlinerfestspiele.de

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