Kultur : Nouvelle Vague auf Rumänisch

Mit der Goldenen Palme für „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“ triumphiert in Cannes ein Außenseiter

Jan Schulz-Ojala

Kurz vor Schluss wurde es noch mal extrem spannend. Mit beträchtlicher Weisheit hatte die Jury unter Stephen Frears viele preiswerte Filme bereits bedacht – und abgesehen von Julian Schnabel (Regiepreis für seinen in Frankreich produzierten „Le scaphandre et le papillon“) und Gus van Sant (Festivaljubiläums- Trostpreis für „Paranoid Park“) waren die in beeindruckender Mannschaftsstärke, aber künstlerisch arg fußlahm angetretenen amerikanischen big names unerwähnt geblieben. Ginge jetzt die Goldene Palme an die Coen-Brüder, an David Fincher, James Gray oder gar an die geniale Nervensäge Quentin Tarantino?

Nicht doch. Die Jury hob mit „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“ von Cristian Mungiu den herausragendsten vieler herausragender Filme auf den Thron – und setzte mit der ersten Goldenen Palme für Rumänien ein Zeichen, das sich schon am Vortag mit dem Preis der Nebenreihe „Un certain regard“ für „California Dreamin’“ von Cristian Nemescu angekündigt hatte. Das rumänische Kino ist aus der Asche des Sozialismus und einer langen Agonie auferstanden – aber es hat den internationalen Zuspruch auch bitter nötig. Im ganzen Land gibt es nur noch 70 Kinos, ein Siebentel des Bestands aus Ceausescu-Zeiten, und ins erste Jahr des neuen Jahrtausends war Rumänien sogar gegangen, ohne einen einzigen Film zu produzieren.

Seit Kurzem aber schwappt eine Nouvelle Vague durch das Land, und Cannes hat an deren Wahrnehmung und Ermutigung einigen Anteil. Catalin Mitulescus Kurzfilm „Trafic“, Cristi Puius „Der Tod des Herrn Lazarescu“ und Corneliu Porumboius „12:08 östlich von Bukarest“ holten Preise an der Croisette und bereiteten den Doppelschlag dieses Jahrgangs vor. „Califormia Dreamin’“ des unlängst bei einem Autounfall umgekommenen, erst 27-jährigen Nemescu erzählt mit zartbitterem Humor vom Zwangsaufenthalt eines US-Nachschubzugs in einem rumänischen Dorf während des Nato- Kriegs gegen Serbien; und „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“, das packende, präzise und absolut unsentimental inszenierte Abtreibungsdrama zweier Studentinnen in den späten Jahren der Diktatur, war vom ersten Festivaltag nicht mehr aus der Favoritenposition zu verdrängen.

Was für ein Happy End eines glanzvollen Kinofests! Der 39-jährige Regisseur, der noch vor wenigen Monaten das Geld für seinen Film nicht beisammen hatte, genoss sein persönliches „Märchen“ - nicht ohne hinzuzufügen, „man braucht weder ein großes Budget noch große Stars, um eine Geschichte zu erzählen, der die ganze Welt zuhört“. Und wenn nun dieser großartige, düstere, menschliche Film auch überall einen Verleih fände in einer Welt, deren Bewohner cineastisch überwiegend mit „Spiderman 3“, „Piraten der Karibik 3“ und demnächst „Shrek 3“ verköstigt werden? Dann wäre das Glück vollkommen.

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