Novelle "Tatarinowa: Die Prophetin von Sankt Petersburg" : Lämmer und Tauben

Anna Radlowa huldigt in "Tatarinowa: Die Prophetin von Sankt Petersburg" einer russischen Sektenführerin. Die 1931 geschriebene Novelle erscheint zum ersten Mal auf Deutsch.

Alexandra Belopolsky
Foto: promo

Radenije heißt der ekstatische Tanz, von dem Anna Radlowa in ihrer Novelle „Tatarinowa – Die Prophetin von St. Petersburg“ erzählt. „Man singt im Flüsterton. Es braucht kein Geschrei. Die volltönende Musik der geöffneten Herzen würde jedwede Lieder überbrücken. Da springt der alte Piletskij als Opferbock. Miklaschewskij dreht sich wie ein trunkener Hampelmann. Vera, Anna, Maria, noch mal Vera ... und noch mehr, noch mehr, ihre Namen trage Du, Herr, drehen sich sonnwärts. Und unter ihnen dreht sich – die Arme ausgebreitet, die Augen geschlossen, wie ein Neurospast, der die Fäden seiner irre gewordenen Puppen aus der Hand gegeben hat – so, dass man schon das Gesicht nicht mehr sehen kann, in einem geistigen, unsündigen Walzer, die wie der Engel des Todes Azrael gesichtslos weiße Staatsrätin Tatarinowa.“

Die 1931 geschriebene Novelle wurde im russischen Original erst 1997 veröffentlicht. Nun erscheint sie zum ersten Mal auf Deutsch, mit Erläuterungen des Übersetzers und einem Nachwort von Oleg Jurjew, der sie sorgfältig in den kultur- und literaturgeschichtlichen Zusammenhang einordnet.

Der Text erlaubt einen spannenden Blick auf die Sektenführerin Jekaterina Philippowna Tatarinowa. In einer wilden, atmosphärisch traumhaft dichten Collage aus authentischen Briefen, historischen Fakten und erdachten Szenen malt Radlowa ein lebhaftes Bild der als Freifrau von Buxhoeveden geborenen Schönheit, die im 19. Jahrhundert von Kondratij Seliwanow persönlich zur Prophetin erklärt wurde. Er war das Oberhaupt einer Geheimsekte, den berüchtigten Skopzen, die sich von der russisch-orthodoxen Kirche gelöst hatte.

Mitleid für die Verbannte

Schon im 17. Jahrhundert waren mit den Chlisten (russisch für „Geißler“) die Vorgänger der Skopzen entstanden. Sie wurden auch „Graue Tauben“ genannt. Diese propagierten den Verzicht auf alle irdischen Genüsse, insbesondere den Geschlechtsverkehr. Sie übten das Ritual der Radenijen. Die Skopzen, die sich im 18. Jahrhundert von den Chlisten abspalteten, trieben die Frömmigkeit noch weiter. Die Keuschheit sollte bei den Skopzen durch Kastration der Sektenmitglieder gesichert werden – der männlichen wie der weiblichen. „Zarensiegel“ nannten sie die Entfernung der Hoden und des Penis – und sich selbst „Weiße Tauben“ oder „Weiße Lämmer“.

Nicht nur das Sektiererische ist an Tatarinowa faszinierend. Es ist auch die Tatsache, dass ihr Einfluss bis in die obersten russischen Gesellschaftsschichten reichte. Zu ihren Anhängern zählten Heerführer, Fürsten und Künstler. Selbst Zar Alexander 1. brachte ihr Sympathien entgegen. Jahrelang durfte Tatarinowa das Petersburger Michaelsschloss bewohnen.

Scheinbar wurde in ihrer Sekte nicht wirklich kastriert. Öffentlich propagierte sie lediglich eine „Verschneidung im Geiste“. Radlowa, deren Novelle von überraschender Sympathie für die Sektenführerin zeugt, lässt diese Frage offen. Wie auch immer: Als Leser kommt man kaum umhin, Mitleid mit der verbannten und isolierten Tatarinowa zu verspüren.

Ein trauriges Ende

Radlowa, hauptsächlich für ihre Lyrik und Übersetzungen bekannt, spielte in der Petersburger Boheme zu Anfang des 20. Jahrhundert eine prominente Rolle. Michail Kusmin pries sie als die beste zeitgenössische Dichterin – Anna Achmatowas Rolle zum Trotz. Gleichzeitig lassen Radlowas Texte chlistische Neigungen erkennen. In ihren Gedichten sind Erwähnungen von Radenija und Tauben zu finden. Ihr Theaterstück „Das Schiff der Gottesmutter“ (1923) widmet sie einer anderen chlistischen „Prophetin“, Akulina Iwanowna.

Ironischerweise fand Radlowa ein ähnlich trauriges Ende wie ihre Heldinnen. Im März 1942 wurde sie zusammen mit der Theatertruppe ihres Mannes Sergej nach Pjatigorsk evakuiert. Als die Stadt von den Nazis besetzt wurde, floh man ins ukrainische Saporoschje, später von dort nach Paris. Nach Kriegsende in die UdSSR zurückgekehrt, wurden beide wegen Landesverrat zu 10 Jahren Arbeitslager verurteilt. Dort starb Radlowa 1949 im Alter von 58 Jahren an einem Gehirnschlag.

Anna Radlowa: Tatarinowa. Die Prophetin von St. Petersburg. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew. Weidle Verlag, Bonn 2015. 112 Seiten, 17,90 €

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