Kultur : Novizen aus der Provinz

Wende und Wände: Das Staatsschauspiel Dresden bringt Christoph Heins Roman „Landnahme“ auf die Bühne

Peter Laudenbach

Einen Tag, bevor fast jeder zehnte sächsische Wähler der NPD seine Stimme gab, räsonierte auf der Bühne des Staatsschauspiels Dresden ein gemütlicher Kegelbruder über Volk und Heimat. „Es sind zu viele Fremde“, grummelt der biedere Bürger. Nicht aggressiv, nur ein resignierter Stoßseufzer beim Bier. Mit den Fremden meint er nicht Ausländer, sondern, wir schreiben die Sechzigerjahre in einem Provinzkaff der DDR, die Umsiedler aus Schlesien, die es nach dem Krieg hierher verschlagen hat. Das könnte ein böse-intelligenter Theatermoment sein, in dem Ressentiment und Gemütlichkeit gefährlich ineinander kippen und der Rückblick auf die ostdeutsche Vergangenheit sich zu einer Momentaufnahme unappetitlicher Mentalität von heute weitet. Leider reicht es nur zu einer zutiefst harmlosen Szene aus einem Puppenstubenidyll.

Anna Badora hat in Dresden versucht, Christoph Heins großen neuen Roman „Landnahme“ auf die Bühne zu bringen. Gemeinsam mit ihrer Dramaturgin Andrea Koschwitz hat sie die 360 Seiten auf eine Spielvorlage von zweieinhalb Stunden eingedampft, die vor allem beweist, wie wenig von einem Roman übrig bleibt, wenn man ihn mit seinem Plot verwechselt. Hein erzählt die Geschichte eines Außenseiters, der, getrieben vom Wunsch, sich für Demütigungen zu rächen, den sozialen Aufstieg schafft. Erzählt wird das aus der Perspektive von fünf Jugendfreunden, die in ihren Erinnerungsmonologen den fremd gebliebenen Umsiedler staunend und ratlos, auch fasziniert umkreisen. Aber nicht die durchsichtige Konstruktion, die die Mechanismen von sozialem Ausschluss in fast übertriebener Deutlichkeit vorführt, macht die Kraft von Heins Roman aus, sondern die detailgenauen Erinnerungsbilder. Mit ihnen erzählt er eine eigene, ironisch getönte Geschichte der DDR, von den Fünfzigerjahren bis zur Wende.

Die Alltagswahrnehmungen, die ironische Grundierung, die feinen Verästelungen von Lebensgeschichten und Gefühlsverwicklungen sind Badora und ihrer Dramaturgin entgangen. Die Bühne signalisiert Ironie und Gemütlichkeit. Florian Etti hat lauter putzige Häuschen über die Bühnenfläche verteilt. Das ist lustig. Und ein tödliches Missverständnis. Denn Heins Kleinstadtroman erzählt genau vom Gegenteil: von Verhältnissen, die zwar eng, aber gerade in der Enge robuster sind als die Menschen, die in ihnen leben. Und von einer Provinz, die ihren Bewohnern nicht nur Enge, sondern auch Schutz, Halt und Geborgenheit bedeutet. In Dresden setzt man sich lustig auf die Holzhäuschen und lässt die Beine baumeln. Ist dieses putzige Idyll einmal etabliert, kann es nur noch nett weitergehen. So hangelt es sich von Kapitel zu Kapitel und fächert die Erinnerungsmonologe in Dialoge auf, ohne dass daraus szenische Spannung entstehen würde.

Erstes Kapitel: Schule. Auf der Bühne die Sitzbänke einer Schulklasse um 1950. Der erwachsene Erzähler Thomas Nicolas (Lars Jung, ein guter Anzugträger) erinnert sich an seinen Banknachbarn Bernhard Haber, das Umsiedlerkind. Ein zehnjähriger Junge spielt dieses Umsiedlerkind, wie Kinder auf der Bühne eben Kinder spielen: so, dass alle Demütigungen, die das Aussiedlerkind ertragen muss, hinter dem Kitschmoment, den ein Kind auf der Bühne immer auch bedeutet, verschwinden. Was nicht die Schuld des jungen Schauspielers, sondern der auf den blanken Süßlichkeits-Effekt zielenden Regisseurin ist. Nächstes Kapitel: Aus dem Kind ist ein Jüngling geworden (Marko Dyrlich), und auch er lässt vor lauter Jünglingslächeln nicht ahnen, dass wir es mit einem Gedemütigten und Beleidigten zu tun haben. Dass die Kränkung Rachefantasien und Hass produziert, wird in den Dialogen ausgebreitet. Sehen kann man es nicht. Diesmal ist die Erzählerin Bernhards erste Liebe, resolut gespielt von Helga Werner. Von der Zartheit, den überempfindlichen Seiten des verschlossenen Bernhard Haber wird nichts spürbar, weil auch hier nur Handlungsoberfläche nachbuchstabiert wird.

So geht es weiter, etwas schwerfällig und uninspiriert, aber immer überdeutlich. Nur weiß man nie, was die umständliche Erzählung um erste Liebe, ersten Sex, erstes Geld vorantreibt, außer der wenig überraschenden Erkenntnis, dass es Umsiedlerkinder in der DDR auch nicht leicht hatten. Nicht nur die Stückfassung bleibt an der Oberfläche, auch die Schauspieler begnügen sich, abgesehen von wenigen Ausnahmen, mit der klischeenahen Illustration. Einzig Marianne Linden als Gitti, die den klemmigen Bernhard verführt, und als Zonen-Monroe Babsy hat Ausstrahlung, Spielfreude und Kraft. Am Ende ist man froh, dass sich der Abend endlich bis zur Wende geschleppt hat. Wenn man eines dieser Veranstaltung nicht vorwerfen kann, ist es, dass sie zur Ostalgie beiträgt.

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