NS-"Euthanasie" : Ausstellung "Tödliche Medizin" in Dresden

Mit den im Namen der NS-"Euthanasie" begangenen Verbrechen setzt sich eine Ausstellung des United States Holocaust Memorial Museums Washington auseinander, die von Donnerstag an im Deutschen Hygiene-Museum Dresden zu sehen ist.

Dresden - Sie waren behindert oder unheilbar krank - und mussten deshalb sterben. Von 1933 bis Kriegsende wurden mehr als 200.000 Menschen ermordet, die die Nazis für "lebensunwert" hielten. Es war die erste systematische Vernichtung von Menschen durch das Nazi-Regime, die sich später in den Konzentrationslagern auf furchtbare Weise fortsetzen sollte. Rund 400.000 vermeintlich "erblich minderwertige" Menschen wurden außerdem zwangssterilisiert. Von Donnerstag an ist im Deutschen Hygiene-Museum Dresden die Ausstellung "Tödliche Medizin. Rassenwahn im Nationalsozialismus" zu sehen, die sich mit dem Thema der NS-"Euthanasie" beschäftigt. Die Ausstellung läuft bis Juni 2007.

Neue Brisanz hat das Thema nicht zuletzt durch die Entdeckung eines Massengrabes in Menden-Barge im Sauerland erhalten. Es gibt konkrete Hinweise, dass die dort gefundenen sterblichen Überreste von "Euthanasie"-Opfern stammen könnten. Die Schau, die am Mittwochabend im Beisein von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und US-Botschafter William R. Timken eröffnet wird, ist aber auch aus anderer Sicht von aktueller Bedeutung: Angesichts der Wahlerfolge der rechtsextremen NPD in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern, wo sie vor allem viele Stimmen von jungen Wählern erhielt, soll die Ausstellung auch ein Aufruf für mehr Demokratiebewusstsein und gesellschaftliche Toleranz sein. Theaterpädagogische Projekte, Zeitzeugengespräche und Lesungen im Begleitprogramm richten sich deshalb gezielt an junge Leute.

Tarnname "T4"

Die Ausstellung zeigt mit eindringlichen Bild-, Text- und Filmdokumenten, wie die Nazis mit Hilfe von Ärzten und Anthropologen eine so genannte "Gesundheitspolitik" entwickelten, die in der Ermordung Millionen europäischer Juden mündete. Nach dem "Euthanasiebefehl" Adolf Hitlers vom 1. September 1939 begann unter großer Geheimhaltung der Mord an Behinderten, unheilbar oder psychisch Kranken, auch Kindern. Arbeitsunfähige Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und kranke Wehrmachtssoldaten fielen dem Programm ebenfalls zum Opfer. Die Aktion trug den Tarnnamen "T 4", benannt nach der Organisationszentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4. 1940/41 wurden in den sechs zentralen Anstalten, darunter im sächsischen Pirna und im Schloss Grafeneck in Württemberg, mit Hilfe von Ärzten und Pflegern mehr als 70.000 Menschen vergast oder erschossen.

Nach Protesten aus der Bevölkerung und den Kirchen wurde das Massenmorden im Sommer 1941 zwar offiziell eingestellt. Doch das Töten ging danach versteckt weiter. Zehntausende kamen in unzähligen Anstalten durch Medikamente um oder wurden dem Hungertod preisgegeben. Ab 1941 wurden auch mehrere tausend KZ-Häftlinge in den Anstalten umgebracht. Viele der verantwortlichen Ärzte wurden nie belangt, sondern praktizierten auch nach dem Krieg.

Jahrzehntelang ein Tabu

Das Thema blieb in Deutschland jahrzehntelang ein Tabu. Erst in den 80er Jahren begann die breite Aufarbeitung. In der Tiergartenstraße 4 erinnert seit 1989 eine kleine Tafel an die Opfer. Viele Krankenhäuser setzen sich inzwischen kritisch mit diesem Kapitel ihrer Geschichte auseinander. Auch das Deutsche Hygiene-Museum bekennt sich mit der Sonderpräsentation zu seiner eigenen Verantwortung als Institution, die die rassenhygienischen Programme der Nazis vorbehaltlos unterstützte und propagierte.

In den USA haben innerhalb von zwei Jahren 720.000 Menschen die Schau gesehen. In Deutschland gab es allerdings bereits vor der Eröffnung Kritik von verschiedenen Verbänden wie der Bundesarbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener. Nach ihrer Ansicht verschweigt die Ausstellung, dass auch nach dem Krieg die Massenmorde in den psychiatrischen Anstalten durch Verhungernlassen weitergingen. Bis 1948/49 seien über 20.000 Menschen der Willkür des medizinischen Personals zum Opfer gefallen. Belegt ist etwa der Fall eines vierjährigen Jungen, der noch Ende Mai 1945 in Kaufbeuren durch Giftinjektion getötet wurde, obwohl die US-Armee die Stadt bereits besetzt hatte. (Von Andrea Hentschel, AFP)

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