Kultur : NS-Zeit: Hitlers Vollstrecker

Ernst Piper

Ende Juli 1940 befahl Hitler seine wichtigsten Militärs auf den Obersalzberg und eröffnete ihnen den "bestimmten Beschluss", die Sowjetunion im kommenden Frühjahr zu "erledigen". Tatsächlich wurde der Zeitpunkt des Überfalls auf Grund der Balkan-Offensive noch einmal verschoben, aber am 22. Juni 1941 war es soweit. Drei Millionen Soldaten mit einer halben Million Pferde, 600 000 Kraftwagen und 3350 Panzern, unterstützt von 7200 Geschützen und 1950 Flugzeugen, wurden in Marsch gesetzt. 135 Divisionen hatte Hitler aufgeboten für seinen "eigentlichen" Krieg, die finale Schlacht gegen den jüdischen Bolschewismus. Schon in "Mein Kampf" hatte er seine Vision entfaltet. Ostpolitik bedeutete für Hitler die Rückgewinnung von germanischem Siedlungsraum und die Reduzierung Russlands auf seine Kernlande hinter dem Ural, so dass es Europa nie wieder gefährlich werden konnte. Der im Reichssicherheitshauptamt entwickelte "Generalplan Ost" sah die Beseitigung von bis zu 31 Millionen "rassisch unerwünschter" Menschen vor. Erhard Wetzel, später Rassereferent in Rosenbergs Ostministerium, schlug vor, diese Menschen zu "verschrotten". (Nach dem Krieg setzte er seine Beamtenkarriere als Ministerialrat im niedersächsischen Innenministerium fort.)

Der erste Akt des Zweiten Weltkriegs hatte dies noch nicht so klar erkennen lassen. Vor dem Einmarsch nach Polen war ein Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion abgeschlossen worden. Alfred Rosenberg, Hitlers wichtigster Gewährsmann für ideologische Fragen in den frühen Jahren der Bewegung, hatte einem pragmatischen Bündnis mit dem jüdisch-bolschewistischen Todfeind ohne inneres Verständnis gegenüber gestanden. Nach dem Überfall auf Polen gibt es über Wochen hinweg keinen Eintrag in seinem Tagebuch; am 24. September 1939 notiert er, er habe "abseits der unmittelbaren Geschehnisse gestanden". Doch nun, wo es gegen die Sowjetunion ging, rückte er wieder ins Zentrum. Der gebürtige Balte kannte das Land wie kein zweiter, hatte 1917/18 in Moskau studiert und dort den Ausbruch der Revolution miterlebt. Mit seiner populären Schrift "Pest in Rußland. Der Bolschewismus, seine Häupter, Handlanger und Opfer" (München 1922), die zahlreiche Fotos von Massakern enthielt, hatte er an der Ausbildung des nationalsozialistischen Feindbildes mitgewirkt. Er war der profilierteste Sprecher der Partei zu außenpolitischen Fragen, aber dennoch weder 1933 noch 1938 mit dem erhofften Außenministerium belohnt worden.

Doch jetzt war Rosenbergs große Stunde gekommen: Hitler ernannte ihn zum Beauftragten für die Bearbeitung der zentralen Fragen des osteuropäischen Raums; das Finanzministerium genehmigte einen Fünf-Millionen-Etat. Am 20. Juni 1941 hielt Rosenberg, der die Zerschlagung Russlands schon seit 1933 geplant hatte, einen Vortrag vor Vertretern der Wehrmacht, des Staates und der NSDAP, wie Deutschland "durch Aufspaltung des russischen Raumes in vier Staaten ein für allemal von dem Alpdruck einer möglichen Bedrohung aus dem Osten zu befreien" sei. Der Hungertod von Millionen sei dabei eine harte Notwendigkeit. Im nunmehr dritten Kriegsjahr sollte nicht nur die deutsche Armee ganz aus dem Lande ernährt werden, sondern auch hohe Kontingente an das Deutsche Reich abgeliefert werden. Die beteiligten deutschen Dienststellen rechneten damit, dass dafür im ersten Winter zehn bis 20 Millionen Russen verhungern würden. Doch das stehe, so Rosenberg, "außerhalb jeden Gefühls".

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion erzielte die deutsche Streitmacht, der sich finnische, rumänische und ungarische Einheiten angeschlossen hatten, zunächst gewaltige Erfolge. Am 16. Juli 1941, einen Tag nach der offiziellen Präsentation des Generalplans Ost, befahl Hitler Rosenberg, Reichsminister Lammers, den Chef der Reichskanzlei, Göring und Feldmarschall Keitel zu sich ins Führerhauptquartier. Martin Bormann führte das Protokoll: "Grundsätzlich kommt es darauf an, den riesenhaften Kuchen handgerecht zu zerlegen, damit wir ihn erstens beherrschen, zweitens verwalten und drittens ausbeuten können." Aber schon traten erste Differenzen zutage. Hitler verkündete das Dogma: "Nie darf erlaubt werden, dass ein anderer Waffen trägt als der Deutsche!" Rosenberg war da realistischer: Aus eigener militärischer Kraf würde das Deutsche Reich den Krieg im Osten nicht gewinnen können. Er plädierte für eine politische Autonomie der Ukraine und die Bildung von Freiwilligen-Verbänden aus den von den sowjetischen Herrschaft befreiten Völkern Osteuropas. Ob Rosenberg seinen Widerspruch so deutlich vorgetragen hat, wie er das später im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess glauben machen wollte, dürfen wir bezweifeln. Jedenfalls ernannte Hitler ihn am folgenden Tag zum Reichsminister für die besetzten Ostgebiete. Ein weiterer Erlass sicherte Himmlers Position als oberster SS- und Polizeiführer im Osten. Rasch wurde eine Bürokratie in den eroberten Gebieten errichtet, wobei Ostministerium und SS darum konkurrierten, wie bei der "im Ostraum erstmalig möglichen radikalen Behandlung der Judenfrage" (so SS-Führer Stahlecker) vorzugehen sei.

Rosenbergs Ernennung zum Ostminister wird zunächst nicht bekannt gegeben. Man will seine öffentliche Inthronisierung mit ei-nem entsprechenden Ereignis, zum Beispiel der Eroberung Moskaus, verbinden. Doch die Heeresgruppe Mitte kommt etwa 60 Kilometer vor Moskau zum Stehen. Schließlich wartet man nicht länger und teilt Rosenbergs Ernennung der Öffentlichkeit am 17. November 1941 mit. Am selben Tag steht bei einer Besprechung mit Reinhard Hey-drich, dem Chef des Reichssicherheitshaupt-amtes, die "Beseitigung der Juden" auf der Tagesordnung. Am Tag darauf gibt Rosenberg einen Presseempfang im Sitzungssaal des Ostministerium, das in der ehemaligen sowjetischen Botschaft Unter den Linden seinen symbolkräftigen Sitz hatte. Mitschreiben ist ausdrücklich verboten; die Anwesenden werden angehalten, das Gehörte vertraulich zu behandeln. In einer langen Rede entwickelt Rosenberg seine Pläne zur Zerstückelung der Sowjetunion. Schließlich kommt er auf das zentrale Anliegen der "Judenfrage" zu sprechen: "Im Osten leben noch etwa sechs Millionen Juden, und diese Frage kann nur gelöst werden in einer biologischen Ausmerzung des gesamten Judentums in Europa."

Diese Position hatte Rosenberg schon immer vertreten, aber so deutlich war er noch nie geworden. Der Ausdruck "biologische Ausmerzung" ließ keine Zweifel mehr offen. Am 25. November wurden die ersten deportierten deutschen Juden in Kaunas erschossen, am 29. November lud Heydrich zur Wannsee-Konferenz, im Dezember 1941 nahm in Chelmno das erste Vernichtungslager seine Tätigkeit auf.

Die besondere Bedeutung Alfred Rosen-bergs war eine mehrfache. Für die antisemi-tische Ausrichtung der nationalsozialisti-schen Bewegung war er der wichtigste Theoretiker, getragen von der Überzeugung, dass die Judenfrage immer das politische Petroleum unseres Kampfes" war. Er bereitete aber nicht nur das Feld. Sein Ostministerium wirkte auch an der Durchführung der Judenvernichtung mit. Außerdem trug er auf die Marktplätze, was Himmler nur hinter verschlossenen Türen sagte. Reichsdeutschen Neusiedlern in Rowno rief er zu: "Die Judenfrage ist für uns dann gelöst, wenn auf dem europäischen Kontinent kein Jude mehr vorhanden ist. Unsere Enkel werden einmal froh sein, dass ihre Großväter sie von diesem Schmutz befreit haben."

Schließlich war der Krieg im Osten anders als an den anderen Fronten ein von langer Hand geplanter Vernichtungskrieg. Die Gewinnung von Lebensraum und die "Endlösung" der Judenfrage, ideologische und militärische Ziele waren im Unternehmen Barbarossa auf dramatische Weise miteinander verschränkt. Bis zuletzt hielt Rosenberg Vorträge über "die weltanschauliche Überwindung der Sowjetunion". Die militärische Niederlage hat er dadurch nicht verhindern können. Am 16. Oktober 1946 wurde Rosenberg mit 53 Jahren in Nürnberg hingerichtet.

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