Kultur : Nüchtern durch mehr Saufen

Von Denis Scheck, Literaturkritiker

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Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (Heute Abend, 23 Uhr 30, mit Donna Leon).

 Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
 Service Online bestellen: "Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest"
10) Eva-Maria Zurhorst: Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest (Goldmann, 382 S., 18,90) Ein Eheratgeber, dessen Titel man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Da fragt man sich doch gleich, ob diese These auch für Eva Braun gegolten hätte. In jedem Fall ist dieses in reinem Beziehungssprech verfasste Werk ein schönes Beispiel dafür, dass auf dem Sachbuchmarkt kein Heilsversprechen absurd genug sein kann. Ein Buch für alle, die „Essen Sie sich schlank!“ und „Nüchtern durch mehr Saufen!“ schon im Regal stehen haben.

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9) Lothar Seiwert: Die Bären-Strategie (Hugendubel, 124 S., 14,90 €) Eine an Banalität nicht mehr unterbietbare Tierparabel. Seiwerts armen Bären in den Mund gelegte Binsenweisheiten darüber, wie man Gelassenheit lernt, münden in den Satz: „Lass dir von Zeitdieben keinen Bären aufbinden“. Genau so ein Bär ist dieses Buch.

 Service Online bestellen: "Die Kunst des stilvollen Verarmens"
8) Alexander von Schönburg: Die Kunst des stilvollen Verarmens (Rowohlt Berlin, 283 S., 17,90 €) Wie schön es sich ohne Wohlstandsballast lebt und überhaupt Geld niemals Liebe ersetzen kann, all das erfahre ich aus diesem Buch. Wahr ist, dass der Autor der Bruder der Fürstin Thurn und Taxis ist, verheiratet mit Irina Prinzessin von Hessen und Chefredakteur der Societymagazins „Park Avenue“. Unwahr hingegen die Behauptung, er arbeite an einer Fortsetzung für mit weniger Vitamin B Gesegnete: „Die Kunst des stilvollen Verreckens.“

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7) Werner Küstenmacher/Lothar Seiwert: Simplify your life (Campus, 360 S., 19,90 €) Seit Jahren schon hält sich dieser Ratgeber auf der Bestsellerliste, aus dem man tatsächlich einige brauchbare Tipps zur Organisation des Alltags erhält – aber auch höchst alberne Ratschläge zu solch extrem kniffligen Dingen wie dem Mittagsnickerchen, die in dem Satz gipfeln: „Unterstützen Sie das Aufwachen durch bewusstes Ein- und Ausatmen.“

 Service Online bestellen: "Ich klage an"
6) Ayaan Hirsi Ali: Ich klage an (Piper, 224 Seiten, 13,90 €) Ayaan Hirsi Ali stammt aus Somalia und ist in den Niederlanden als Politikerin aktiv. Sie hat das Drehbuch zu dem Film „Submission“ geschrieben, dessentwegen der Filmemacher Theo van Gogh ermordet wurde. Ihr Buch ist eine Polemik gegen die Frauenfeindlichkeit des Islam, an vielen Stellen ungerecht und durch argumentative Kurzschlüsse belastet – aber ein sehr notwendiges Buch, das auf seine konfrontative Weise eine lohnende Auseinandersetzung mit dieser Religion führt. Lesenswert!

 Service Online bestellen: "Schotts Sammelsurium"
5) Ben Schott: Schotts Sammelsurium (Bloomsbury Berlin, 162 S., 16 €) Das einzige Buch auf dieser Bestsellerliste, das ein Quell des ungetrübten Vergnügens darstellt. Nach der Lektüre fragt man sich, wie man bislang nur leben konnte, ohne zu wissen, worin genau der Unterschied zwischen einem Kumulus und einem Kumulonimbus besteht.

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4) Inge und Walter Jens: Katias Mutter (Rowohlt, 288 S., 19,90) In so trister Umgebung wie der aktuellen Bestsellerliste nimmt sich diese Biografie über die hochinteressante Persönlichkeit von Thomas Manns Schwiegermutter Hedwig Pringsheim natürlich aus wie ein Schwan unter Badewannenenten. Aber über all dem gepflegten Geplaudere über den „Schwiegertommy“ ist in diese Lebensbeschreibung einfach viel zu viel Archivwissen und viel zu wenig Recherche in der Wirklichkeit eingeflossen, als dass sie überzeugen könnte. Was kommt als Nächstes aus der Feder des Ehepaars Jens? Ein Buch über Thomas Manns Hund?

 Service Online bestellen: "Dschungelkind"
Online bestellen: "Wiedersehen in Barsaloi"
3) Sabine Kuegler: Dschungelkind (Droemer, 352 S., 19,90 €) und 2) Corinne Hofmann: Wiedersehen in Barsaloi (A 1, 225 S., 19,90 €) laden ein zum direkten Vergleich: Beides sind autobiografische Bücher aus der Feder von Frauen, die beide in jungen Jahren mit der absoluten Fremde in Berührung kamen – die eine, Sabine Kuegler, mit einem Stamm so genannter Steinzeitmenschen in West-Papua, die andere, Corinne Hofmann, mit den Massai in Afrika. Weil man aus Kueglers Buch eher mehr über Steinzeitmenschen erfährt, aus Frau Hofmanns Buch eher mehr über Frau Hofmann, würde ich wenn schon zu Kuegler greifen.

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1) Peter Hahne: Schluss mit lustig (Johannis, 128 Seiten, 9,95 €) Wenn richtig ist, dass jedes Volk die Bestseller hat, die es verdient, müsste Deutschland mit Peter Hahnes grottenschlecht geschriebenem Pamphlet wirklich am Ende sein. Aber sehen wir doch mal das Positive: Wenn die Deutschen sonst keine Sorgen haben als das Stammtischgezeter eines unter anal-retentiven Kontrollzwängen leidenden Laienpredigers, ist eigentlich alles in Ordnung mit diesem Land.

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