Kultur : Nüchtern im Siegesrausch

BERND ULRICH

Als Helmut Kohl 1982 an die Macht kam, versuchte er in seiner ersten Regierungserklärung der künftigen Politik einer schwarz-gelben Koalition Sinn zu geben.Er kündigte eine "geistig-moralische Wende", eine Art wertkonservativer Erneuerung an, die dann bekanntermaßen nicht kam.Gerhard Schröder und Joschka Fischer suchten nach dem großen Sieg ebenfalls einen Begriff, auf den sie den geistigen Gehalt einer rot-grünen Regierung bringen könnten.Es war bei beiden derselbe: die Berliner Republik.

Während Fischer auf eine nähere Erläuterung dieser ebenso wirkungsvollen wie - bisher - inhaltsarmen Zukunftsformel verzichtete, lieferte Gerhard Schröder eine kleine Präzisierung nach: westdeutsche Demokratie plus ostdeutsche Zivilcourage.Das wirkt etwas ausgedacht und kirchentagsmäßiger, als Gerhard Schröder wohl ist.

Die Verwendung des Begriffs "Berliner Republik" zeigt denn auch mehr, was Kanzler und Vizekanzler in spe nicht wollen, wie sehr sie sich aus den Traditionen, denen sie entstammen, lösen möchten.Rot-Grün will offenbar kein Projekt mehr sein, also kein Instrument zur Durchsetzung vorgefertigter gesellschaftspolitischer Vorstellungen, sondern Projektionsfläche für Wünsche und Erfordernisse aus der Gesellschaft.

Führen durch Moderieren, das deutete sich bei Schröder schon im Wahlkampf an, das ist sein Kanzlerkonzept.Dennoch ist es bemerkenswert, daß er jetzt zu tun beginnt, was er im Wahlkampf ankündigte.Das ist in der Politik ja nicht gerade üblich.Zumal nicht nach einem so erdrutschartigen Wahlsieg und angesichts dessen, daß viele nun ob der 50prozentigen Mehrheit von SPD, Grünen und PDS davon sprechen, die Berliner werde eine rote Republik.Wie naheliegend wäre es in einer solchen Situation, auch linke Politik zu machen.Genau das wollen offenbar weder Schröder noch Fischer.Die beiden scheinen an eine rote Republik einfach nicht zu glauben.

Das spricht für sie.Wenn man Wahlkampf und Wahlergebnis genauer betrachtet, zeigt sich die Mehrdeutigkeit des "linken" Sieges.Zum einen war die Wahl vor allem eine Abwahl - und die ließ sich nach Lage der Dinge nur mit roten Kreuzen auf den Stimmzetteln bewerkstelligen.Zum anderen: Wenn man unter links eine starke Sozialstaatsorientierung und einen unbändigen Umverteilungswillen versteht, wenn man linkes Denken mit der Vorstellung verbindet, daß gut und böse sich ungefähr so verteilen wie arm und reich, wie oben und unten, wie links und rechts, dann stand solches Linkssein unverfälscht allenfalls in Gestalt der PDS zur Wahl.

Nun wird allenthalben gemutmaßt, jetzt schlage bei der SPD die Stunde der Partei und damit die von Oskar Lafontaine und damit die des keynesianisch getarnten Umverteilungsdenkens.Das eine ist falsch, das andere möglicherweise zu schlicht gedacht.Es schlägt hier in Bonn nicht die Stunde der Partei.Im Gegenteil: Die zwei Freunde aus Raison lassen sich von Genossen nicht spalten, von den Medien nicht wirklich in die Karten gucken, und: Sie behalten die Herrschaft über den Zeitplan.Nur mit dem Unterschied, daß Lafontaine und Schröder vor der Wahl auf Langsamkeit bestanden und nach der Wahl das Tempo so sehr anziehen, daß sie selber immer schön vorne bleiben.

Und Lafontaine, der als Traditionalist und Ideologe Verschriene, wird er die Republik rot färben, wenn nur endlich die Pflichtaufgaben des Regierungbildens erfüllt sind? Er selbst hat schon am Ende des Wahlkampfes vermehrt darauf hingewiesen, daß er noch in den 80er Jahren als Modernisierer der SPD und der Gewerkschaften gegolten hatte.Oskar Lafontaine wird kaum versuchen, eine traditionslinke Politik gegen eine nach wie vor mittig orientierte Gesellschaft zu machen.Mit einer Ausnahme: Er glaubt zwar sicher nicht an den Sozialismus, aber er glaubt an die Macht der Geldpolitik und an die großen Räder der Nationalökonomie.Das könnte sich in der Tat als Schwäche erweisen.

Auf der anderen Seite zieht der große Regierungswechsel eine ganze Reihe von kleineren, aber folgenreichen Rollenwechseln hinter sich her, paradoxe Interventionen des Schicksals: Die außenpolitisch etwas unzuverlässigen Grünen stellen den Außenminister, der politisch bis dato allzu kurvenreiche Gerhard Schröder wird zum Stabilisator einer rot-grünen Mischehe werden müssen, die oppositionsselige PDS wird in Mecklenburg-Vorpommern in die Verantwortung gezwungen, und der des übermäßigen Geldausgebens verdächtigte Oskar Lafontaine wird Finanzminister, also Verwalter knapper Kassen.Das gehört zum Schönsten dieser Wahl: Alle Sieger bekommen das, was sie am meisten verändern wird.Diese Rollenrochaden ratifizieren erst wirklich den Bruch des 27.September, sie schaffen auch die Voraussetzungen für eine Berliner Republik.

Die unterscheidet sich von der Bonner Republik vor allem durch ihre Gelassenheit.Sieger und zunächst auch Besiegte, Politiker und Öffentlichkeit, haben die Wende mit Bravour, Würde und ohne spitze Aufgeregtheiten genommen.

Hier bahnt sich ein echtes politisches, nein ein kulturelles Wunder an: Das Lebensgefühl der Berliner Republik wird nicht schwerer, es wird leichter als das der Bonner Republik.Jahrelang hatte man erwartet, die von Helmut Kohl täglich beschworene "gewachsene Verantwortung Deutschlands in der Welt", das wilhelminische Mobiliar der neuen Hauptstadt und die aufflammenden Unsicherheiten der deutschen Identität würden Deutschland ganz bleiern und geradezu weltverantwortungstrunken machen.

Nun erweist sich etwas anderes: Die Zeiten, da sich die Deutschen als jederzeit gefährdet und gefährlich ansahen und sich dementsprechend vor jedem Regierungswechsel fürchteten, vor jeder außenpolitischen Krise Angst hatten und glaubten, einen ausgewachsenen Jürgen Habermas gegen einen kleinen Rainer Zitelmann auffahren zu müssen, um die Rückkehr zum aggressiven Nationalismus zu verhindern - diese Zeiten gehen gerade vorüber.

Es wäre oberflächlich, die neue Leichtigkeit im "Land des Lächelns", wie Volker Zastrow es so schön in der FAZ formulierte, bloß als Erleichterung über den Weggang des alten Kanzlers zu interpretieren.Nein, die Dinge liegen hier tiefer.Mit und nach der deutschen Einheit ist es gelungen, einen mehrheitsfähigen Modus vivendi zu finden, wie wir mit unserer Vergangenheit umgehen.Die Deutschen haben die Verantwortung übernommen und sich damit zu einem gewissen Teil von deren Last und von den negativen Verdrängungsenergien befreit.Und auch die linke Ausformung des Jahrhundertfiebers Totalitarismus ist mittlerweile abgeklungen und klingt in Normalisierung, Regionalisierung, aber damit auch Banalisierung der PDS weiter ab.

Gerade mit Blick auf die Fernwirkungen des deutschen Jahrhundertwahns wird die sich abzeichnende Entscheidung von Joschka Fischer und Gerhard Schröder, Rot-Grün nicht als Projekt, sondern als Projektionsfläche zu verstehen, besonders wichtig.Denn Rot-Grün als Projekt war auch ein ideologisch noch schwach strahlendes Verfallsprodukt der großen Gesellschaftklempnereien.Utopie, Vision, Projekt - so hießen die Verfallsstufen des linken Menschheits-Alptraums.Und die allerletzte Verfallsstufe könnte in Deutschland lauten: Rot-Grüne Regierungsrealität.

Natürlich liegen in der relativen Leichtigkeit auch Gefahren.Das wurde deutlich, als die Zigarrenfraktion der neuen SPD, also Schröder, Naumann und Stollmann, in Anflügen von Arroganz über Fragen wie das Holocaust-Mahnmal, das Berliner Stadtschloß oder den traditionellen deutschen Wirtschaftskorporatismus hinwegwedelten.Trotz dieser gewiß unter Kontrolle zu bringenden Anflüge von spätem Hagestolz - die eigentlichen Risiken der neuen Konstellation entspringen aus ihrer Stärke: Eine Regierung, die eine Gesellschaft lediglich pragmatisch und zielführend moderieren will, kommt nur solange ohne eine Philosophie aus, wie sie sich als Problemlösungsapparat und als Wohlstandsvermehrungsmaschinerie auch wirklich bewährt.Und in diesem Punkt hat sich durch den imposanten Wahlsieg der SPD leider nichts verändert: Auch diese Regierung wird materiell nur das Wenige zu verteilen und zu verwalten haben.Der enge Spielraum wird die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit wieder zu dem machen, was sie nunmal bei allem Wachstum auch ist - ein Abgeben von Chancen, Einkommen und Sicherheit seitens der Arbeitenden an die Arbeitslosen.Man tut der kommenden Regierung und den sie umgebenden intellektuellen Milieus sicher kein Unrecht, wenn man vermutet, daß die Konturen eines künftigen Regierungssinns noch so unklar sind, wie der Begriff der Berliner Republik.Aber diese erleichterte und gelassene Situation am Anfang einer neuen Ära und mitten in einem Regierungsumzug ist eine wunderbare Gelegenheit, um über Präzisierungen zu streiten.

Die Deutschen sind, gerade weil sie ihre Bindungen an Vergangenheit, an Bündnispartner und aneinander nicht in Frage stellen, heute so frei wie nie zuvor.Himmel hilf!

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