Kultur : Null Bock Nero

Barocktage an der Staatsoper: René Jacobs inszeniert Monteverdis „Krönung der Poppea“

Christiane Tewinkel

Grau und Glamour sind die Farben dieser „Poppea“ oder: Ernsthaftigkeit und Leichtmut. Großer Bogen und Stückelei, Zeitkritik und Revuetheater. Im grauen Anzug, mit Laptop unterm Arm, tritt zum Beispiel Ottone (Lawrence Zazzo) auf, winselnd vor Stress, was er jetzt machen soll, nun, da seine Poppea bei Nero liegt. Ein pinkfarbenes Pailletten-Kleid, dazu eine lustige Federboa ziert hingegen am Ende die Amme Arnalta (Thomas Michael Allen), so, als ob doch gar nichts gewesen wäre in der Zwischenzeit, die Auftragsmorde, ach was!, der Betrug, die Manipulationen, alles nur ein großer Spaß, Kinder!, bloß ein Film. Beziehungsweise Oper. Und natürlich doch wahr.

Immerhin erzählt schon der römische Historiker Tacitus von der schönen, leichtfertigen Poppea, die von Ottone zu Nero wechselt und ihn zwingt, sich von seiner Ehefrau Ottavia zu trennen. Die „Krönung der Poppea“ handelt von Frauen und Männern, Drahtziehern und Schwächlingen, vor allem aber davon, intime Bande zu nutzen, um gesellschaftlich aufzusteigen. Doch nur am Rande wird diese äußere Welt in der Berliner Inszenierung von David McVicar sichtbar: Wenn Neros Ratgeber, der lächerlich unbedeutsame Seneca, sich zum inszenierten, live übertragenen Disputieren à quatre trifft, um über den eigenen Tod zu entscheiden (Bühnenbild: Robert Jones). „Stirb nicht, Seneca!“ singen die drei anderen. Oder wenn Nero, von Malena Ernman irr und schattenhaft gegeben, sich immer mehr verliert: Dreadlocks, Tätowierung, Abhängen in regressiven Gelagen.

Meistens aber bleibt man heiter. Und privat. Wo nur die Liebe zählt, verpuffen die schemenhaften Vorgaben, die Fortuna und Virtú, die Tugend, anfangs gebracht hatten. Die Bagage aus Helfern und Helfeshelfern, Dienerinnen oder Nebenbuhlern versammelt sich um ein Leopardenfellsofa, redet einander ins Geschäft, küsst, tanzt und dreht sich um sich selbst. Poppea (Carmen Giannattasio) will geliebt werden. Die Amme (herrlich komisch: Marie-Nicole Lemieux) spottet über das Alter. Ottone kneift vor dem Mord an Poppea. Marie-Claude Chappuis als Ottavia ringt die Hände. Und das Ende, sonderbar, verliert sich in einem zarten Liebeslied Neros und Poppeas, „O mein Leben / O mein Schatz“. Aus ihren überweltlich prachtvollen Gewändern wachsen Haare wie bei Tieren (Kostüme: Jenny Tiramani).

Von 1642/43 stammt das Stück, das Claudio Monteverdi und seine Komponistengehilfen aus der Vorlage von Giovanni Francesco Busenello machten. Noch heute ist der „Poppea“ anzuhören, wie nah ihnen das gesprochen-gesungene griechische Drama schien, wie ungewohnt die ersten, zunächst für ein Expertenpublikum vorgesehenen Versuche waren, Theaterstücken Klänge zu unterlegen. Noch lässt diese Musik dem Wort den Vortritt – wenn sich die Klänge auf einmal Zeit nehmen, im Schlaflied für Poppea etwa oder den traurig-tiefen Schlussmusiken der drei Akte, dann wirkt das stark.

Der positive Eindruck dieses Auftakts zu den Cadenza Barocktagen an der Staatsoper verdankt sich freilich nicht nur den sämtlich hervorragenden Stimmen, sondern vor allem René Jacobs und dem Concerto Vocale. Jacobs hat die „Poppea“, wie es gute Aufführungstradition ist, neu instrumentiert, und die Effekte, die er mit seinem brillanten, fast durchgängig solistisch besetzten Ensemble zaubert, sind unerschöpflich. Da entspinnen sich Rezitative über einem üppigen Kissen aus Cembalo-Arpeggien. Da sacken die Melodielinien herab, indem eine hinreißende Amel Brahim-Djelloul als frecher Page Valletto den alten Seneca (Antonio Abete) provoziert: „Wenn er niest oder gähnt, dann nennt er das Moralkunde.“ Da hört man den Klängen an, dass diese Musik im Moment fabriziert wird; die alten Instrumente verschleiern nicht, wie schwer es sein kann, schöne Töne hervorzubringen.

Es ist ein Abend in Szenen, ein elegantes Panorama der Liebesmöglichkeiten und -blödigkeiten. Kleine Spitzen ersetzen die großen Erzählpfeiler, episch wird es höchstens in der Aneinanderreihung von Miniaturen. Und dennoch ist diese „Poppea“ unbedingt empfehlenswert.

Wieder am 18., 20., 22., 24., 26. Februar, 20 Uhr.

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