Kultur : Nuntiatur: Der lange Atem

Bernhard Schulz

Wo Botschafter aller Herren Länder Neubauten in Berlin beziehen, darf der Doyen des Diplomatischen Corps nicht fehlen. Der Apostolische Nuntius, Vertreter des Vatikan, hat nun auch sein neues Domizil erhalten - freilich weitab von der politischen Mitte der Stadt. Residierten die Vorgänger in der Weimarer Republik noch im Diplomatenviertel am Tiergartenrand, so hat der jetzige Amtsinhaber, Erzbischof Lajolo, sein Quartier in Neukölln aufgeschlagen.

Die Kirche wolle näher an die sozialen Brennpunkte der Stadt rücken, wurde die Ortswahl gelegentlich gedeutet. Die Wahrheit ist prosaischer. Der Kirche stand hier, im äußersten Nordwestzipfel Neuköllns, ein ungenutztes Grundstück zur Verfügung. Wenn dann noch das zweitgrößte katholische Gotteshaus Berlins den Nachbarbau bildet, kommt die Sonderrolle dieser diplomatischen Vertretung aufs Schönste zur Anschauung.

Die mächtige Kirche ist die St. Johannes-Basilika. Kurz vor 1900 als katholische Garnisonkirche errichtet, erinnert sie an die Zeit wilhelminischer Militärkonzentration südlich der Berliner Mitte. Heute bietet die Adresse Lilienthalstraße geradezu das Postkartenidyll einer kaiserzeitlichen Wohnstraße - und so auch das der Kirche benachbarte Grundstück mit seinem herrlichen alten Baumbestand, in den der Baukörper der Nuntiatur sensibel eingefügt werde konnte.

Dieter Georg Baumewerd (Münster) setzte sich beim 1997 ausgelobten, geladenen Wettbewerb mit einem Entwurf durch, der die Vorgabe auf überzeugende Weise löst, den Neubau zu der in rheinisch-romanischen Formen gehaltenen Basilika in Beziehung zu setzen. Der größere der beiden Baukörper ist mit einer beinahe wintergartenartig verglasten, mittig angeordneten Halle achsial auf das Nordquerhaus der Garnisonkirche bezogen. Dessen mächtige Fensterrosette leuchtet nun in die als Empfangssaal genutzte Halle wie ein Wandabschluss hinein. Um die zweistöckige Halle gruppieren sich u-förmig viergeschossige Flügel, die neben dem Archiv einen Schwesternkonvent bergen.

Die Kanzlei befindet sich im westlichen, zur Lilienthalstraße gelegenen Teil des Hauptgebäudes - und leitet über einen haushohen, verglasten Verbindungsgang zum zweiten, gleichfalls in strenger Ost-West-Ausrichtung die Längsachse der Garnisonkirche nachzeichnenden Bauteil über. Dieser schiebt sich, versetzt zum Haupthaus, weit an die Straße heran, so dass sich im rechten Winkel der beiden Bauten ein strenger, durch gärtnerische Gestaltung jedoch gemilderter Ehrenhof aufspannt, der den Blick des Besuchers ganz selbstverständlich hinüber zur Basilika als der dritten Platzwand gleiten lässt.

Dieser schmale, gesonderte Gebäuderiegel birgt die Wohnungen des Nuntius und weiterer hochrangiger Mitglieder der Vertretung, vor allem aber das Haupt- und Herzstück einer vatikanischen Botschaft: die Kapelle. Sie ist von außen allenfalls zu erahnen, fügen sich doch ihre stockwerkshohen, schmalen Fenster in das strenge Raster ein, mit dem der Architekt offenkundig den bekannten Fassadenvorgaben des "steinernen Berlins" seine Reverenz erweist. Im Inneren der Kapelle aber verströmen die von Wilhelm Buschulte aus Unna ganzformatig bemalten Fenster eine heitere Farbigkeit, die an die vergangene Moderne eines Matisse oder Chagall erinnert. Die Strenge des architektonischen Entwurfs und die Sicherheit der Materialwahl - polierter Marmor auf allen Böden und weiß geputzte Wände -, die den gesamten, 4500 Quadratmeter Bruttogeschossfläche messenden Komplex der Nuntiatur auszeichnen, finden in der Kapelle zu ihrem gestalterischen Höhepunkt.

"Entsprechend dem Charakter einer klosterähnlichen Gemeinschaft soll die Schlichtheit der Räume bestimmend sein", heißt es im Erläuterungsbericht des Architekten. Doch die Schlichtheit Dieter Baumewerds ist raffiniert, ja elegant. Sie wird noch unterstrichen in den Repräsentationsräumen der Nuntiatur durch kontrastierende, bisweilen in ihrem Stilgemisch fast erheiternde Einrichtungsgegenstände, die wohl aus der Bonner Vorgängerresidenz herübergewandert sind. Aber bei aller geometrisch-rationalen Strenge, sowohl im Grundriss wie in der Raumgestaltung, waltet in dem 15 Millionen Mark teuren Gebäude kein Schweizer Minimalismus, wie er in Berlin im Anbau der Eidgenössischen Botschaft so prominent im Stadtbild zu erleben ist.

Eher handelt es sich um die Beschränkung aufs Wesentliche, etwa auf die Ablesbarkeit der Bauteile und ihrer Funktionen - wie an der Südseite des Hauptgebäudes gegenüber der Basilika, wo der verglaste Empfangssaal hervorsticht. Aber kein gewollter Purismus in der Materialwahl, schon gar kein modischer Betonpurismus: So hat Baumewerd die Rasterfassaden seines Baukomplexes mit hellgrauen Granitplatten in länglich-schmalem Zuschnitt verkleidet, die sich mit den entsprechend hochformatigen, zudem zweiflügeligen Fenstern zu einem Bild von zeitloser, optisch abnutzungsfreier Gediegenheit fügen. Wäre da nicht das päpstliche Wappen als einziger Fassadenschmuck zur Linken auszumachen - dort, wo sich hinter dem fensterlosen Fassadenstück die Kapelle verbirgt -, man könnte das Bauwerk auch für den Sitz einer noblen weltlichen Interessenvertretung halten. Aber Interessen zu vertreten, versteht der Vatikan schließlich, seit er 1529 seine erste Nuntiatur am Wiener Kaiserhof errichtete. Der Berliner Stützpunkt lässt mit Understatement erkennen, was Rom unter einer Diplomatie des langen Atems versteht. Und Neukölln scheint an diesem parkartigen Standort so weit entfernt, als sei die Nuntiatur ins alte, vornehme Diplomatenviertel zurückgekehrt.

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