Kultur : Nur acht Prozent

Der Filmkomponist Ennio Morricone feiert seinen 75. Geburtstag

Ulrich Amling

Spaghetti-Western? Ennio Morricone schaut starr durch seine Brillengläser, so als hätte jemand gewagt, ihm verkochte Pasta vorzusetzen. Eine gespannte Stille füllt den Raum. High Noon beim Interview. Kühl drückt Morricone ab, seines Treffers völlig sicher. „Western machen nur acht Prozent meiner Filmmusiken aus, und die, die ich mit Sergio Leone gemacht habe, noch weniger“, sagt er und lächelt herausfordernd. Doch es ist dieser Bruchteil seines mehr als 400 Werke umfassenden Oeuvres, der Morricone berühmt gemacht hat. Er und Leone, die Jugendfreunde, landeten 1964 mit „Für eine Handvoll Dollar“ einen verwegenen Coup, der Hollywood ein Genre von nationalem Interesse, ja nationaler Identifikation streitig machte. Mit einer aufreibenden Symphonie aus Geräuschen, elektronischen Verzerrungen, Coyotengeheul und Mundharmonika-Klageruf.

Vielleicht hat ihm das Amerika nie ganz verziehen. Morricone, der heute seinen 75. Geburtstag feiert, wurde zwar fünf Mal für einen Oscar nominiert – gewonnen hat der Römer ihn jedoch nie. Kurz blitzt es auf hinter der Brille, dann entgegnet er mit marmorkaltem Tonfall: „Das macht gar nichts. Orson Welles hat auch nie einen Oscar bekommen.“ Ein königlicher Zug.

Morricone spricht nicht gerne über seine Musik, er arbeitet lieber daran. Es gab Jahre, da verließen 22 Soundtracks seine Werkstatt, im vergangenen Jahr waren es immer noch sieben. „Ein Filmkomponist muss alle Musik kennen“, glaubt er und hat sich deshalb im Rentenalter noch mit dem Rap angefreundet. Seine stilistische Offenheit übersteigt den Horizont der meisten Hollywood-Kollegen. Als Sechsjähriger schrieb Morricone seine ersten Kompositionen. Später holte er sich rasch drei Diplome am Konservatorium Santa Cecilia (Trompete, Orchestrierung, Komposition), spielte in Nachtclubs und arrangierte Songs für Mario Lanza und Rita Pavone. Mit dem Beginn seiner Filmkarriere intensivierte er auch seine Beschäftigung mit der musikalischen Avantgarde und schloss sich der elitären „Gruppo Improvisazione Nuovo Consonanza“ an. In seine Filme schmuggelte er fortan immer wieder Material ein, das im Konzertsaal nur ein kleines Fachpublikum gefesselt hätte. Eigentlich sei Filmmusik banal, da macht sich der Komponist von „Spiel mir das Lied vom Tod“ keine Illusionen. Darüber, wie man es dennoch schafft, Millionen Menschen mit polyrhythmischen und seriellen Strukturen in Kontakt zu bringen, spricht Morricone noch weniger als sonst. „Zu intim.“ Eine Frage der Ehre. Da wirkt er auf einmal wie Clint Eastwood in "In the Line of Fire", wenn wieder diese einsame Trompetenfanfare ertönt. Ein gealterter Profi mit aufgebrochenen Wunden, bei dem es plötzlich noch mal ums Ganze geht.

Seinen Geburtstag verbringt Ennio Morricone am Dirigentenpult: In der gewaltigen Londoner Royal Albert Hall leitet er ein Konzert mit seinen Filmmusiken. Es beginnt mit „The Untouchables“ und endet mit „The Mission“ – und enthält dazwischen etwas mehr als acht Prozent Western. Ausnahmsweise.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben