Kultur : Nur auf Rezept

Design, Kunst, Pop: Mike Mills in der Pool Gallery

Kolja ReichertD

Zeigen alte Kinderfotos, wie man wurde, was man ist? Oder können in der Medien- und Massenkultur eine Comic-Maus oder Fotos aus einem Pornoheft nicht mehr erzählen? Wenn Mike Mills sich selbst porträtiert, zeigt er unter anderem die industrielle Revolution, ein Hitler-Gemälde, McDonald''s Chicken McNuggets und Salingers Fänger im Roggen. Dinge, ohne die er ein anderer wäre.

Als Grafikdesigner ist Mike Mills ein Wegkundiger in der Gegenwartskultur und weiß um die Verflechtung von Kulturindustrie und Biografie. Mills, der gerade in der Pool Gallery ausstellt, spielte Gitarre in diversen New Yorker Indie-Bands, gestaltete Werbekampagnen, Plattencover, Skateboards und Mode und drehte als Regisseur Musikvideos und Spielfilme wie „Thumbsucker“ mit Tilda Swinton. Genug geschäftliche Verwicklungen, um unter Anhängern eines reinen Kunstbegriffs Misstrauen zu wecken.

Der Reiz seiner Ausstellung „The Only Way Out Is Through“ liegt allerdings gerade darin, wie ein Profidienstleister die Tugenden des Auftragsgeschäfts – Effizienz, Alltagsnähe, Verzicht auf Eitelkeiten – in die freie Kunst überführt. Indem er Themen aus seiner Jugendzeit aufgreift, zu denen nicht nur Pornohefte wie in „Women From 1978“ (4500 €) gehören, unternimmt er archäologische Erkundungen der kollektiven Erinnerung. „Life 1971“ versammelt 170 Fotografien des Magazins Life aus dem Jahr, in dem die Anti-Vietnam-Proteste ebenso wie die Jagd auf den Weather Underground ihren Höhepunkt fanden und Starbuck''s oder Virgin Megastore sich anschickten, das allgemeine Freizeitverhalten zu erobern (6500 €).

„Winnepeg“, eine sechs Meter breite Landschaft aus kleinen Zeichnungen auf weißer Fläche, folgt den Pfaden des Bären von seiner Ausrottung in den europäischen Wäldern über den Eingang in die Kinderliteratur durch A. A. Milne bis zum Aufstieg Winnie Poohs zur vielleicht rentabelsten Ikone weltweit in den Händen des Disney-Konzerns. In kleinen Skizzen wird Geschichte greifbar. Eine in ihrer Schlichtheit durchaus poetische Arbeit über die Entwicklung der Kulturindustrie und der Beziehung des Menschen zur Natur. Auch Braunbär Bruno hat einen Gastauftritt (7800 €).

Überraschende Synapsensprünge vollbringt Mills mit der zeichnerischen Kombination berühmter amerikanischer Schiffe und Pillen, die seiner Familie verschrieben wurden. Eroberungen haben sich nach innen verlagert, wie das neue deutsche Massendoping beweist: War es einst die Seefahrt, die neue Welten erschloss, ist es nun an der Chemie, neue Leistungsreservoirs zu öffnen und die Welt am Laufen zu halten (2400 €). Kolja Reichert

Pool Gallery, Tucholskystr. 38; bis 14. März, Mo-Fr 12-20, Sa 12-19 Uhr.

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