Kultur : „Nur das Kino arbeitet für den Frieden“

Die palästinensische Schauspielerin Hiam Abbass ist Mitglied der Internationalen Jury, die heute Abend die Bären verleiht

Christina Tilmann

„Ich bin doch jünger als er“, protestiert die Schauspielerin Hiam Abbass, als bei der Jurypräsentation der 1978 geborene mexikanische Schauspieler Gael García Bernal als Küken vorgestellt wird. Alter ist eine Frage der Einstellung. Die 1960 geborene Hiam Abbass macht nicht den Eindruck, dass sie in ihrem Leben schon endgültig angekommen sei. „Das Leben ist wie eine Reise, und ich segle auf hoher See, die Wellen tragen mich mal hierhin, mal dorthin. Sie entscheiden, wo es hingeht, und wie schnell“, beschreibt sie beim Kurztreff zwischen zwei Sitzungen. Wellen gab es viele. Die Liebe zum Beispiel, die sie in den Achtzigern zunächst nach London führte. Inzwischen lebt sie in Paris. Ein Hafen? Vielleicht auf Zeit.

Heute Abend, bei der Abschlussgala, gibt die Jury ihre Entscheidung bekannt. Zehn Tage Filme sehen, diskutieren, Filme sehen – da bleibt nicht viel Zeit nebenbei. „Von Berlin habe ich fast nichts gesehen“, bedauert Hiam Abbass. Dafür konnte man sie regelmäßig im Berlinale-Palast sehen, wenn man zufällig in der Reihe hinter der Jury saß. Und hätte sie doch vielleicht übersehen. Auf der Leinwand ist sie eine Erscheinung, markante Züge, dunkle Augen, dunkle Locken. Eine Schönheit, ein Gesicht, das auffällt, das man in Erinnerung behält. In der Wirklichkeit ist sie zierlich, schmal, vielleicht, nach einer Woche Jurysitzung, auch etwas blass und müde.

Hiam Abbass ist die bekannteste Schauspielerin ihres Landes – und hierzulande immer noch ein Geheimtipp. Auf die Frage, ob es sie nervt, immer wieder für Filme gecastet zu werden, in denen es um den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern geht, winkt Hiam Abbass ab: „Ich spiele längst auch andere Rollen, in Frankreich, seit drei Jahren auch vermehrt in den USA. Natürlich, manches ist vorgegeben: Ich habe nun mal dunkle Augen, dunkle Haare. Und außerdem spreche ich mehrere Sprachen.“ Und dass man sie hauptsächlich mit Filmen von israelischen Regisseuren wie Amos Gitai und Eran Riklis oder palästinensischen wie Hany Abu-Assad und Rashid Mashahrawi in Verbindung bringt, liegt auch daran, dass diese Filme so herausragend sind: „Satin Rouge“ von Raja Amari zum Beispiel, den sie vor fünf Jahren im Forum der Berlinale vorstellte, ihre erste Hauptrolle: die Geschichte einer tunesischen Hausfrau, die ihre Freude am Bauchtanz entdeckt und sich in den Freund ihrer Tochter verliebt. Eine mutige Rolle: „Tunesische Männer haben heftig auf diesen Film reagiert: Er hat ein Tabu gebrochen“, erzählt Hiam Abbass. Auch Hany Abu-Assads „Paradise Now“, 2005 im Wettbewerb, war ein Tabubruch: ein Film, der palästinensische Selbstmordattentäter aus der Innensicht zeigt. Hiam Abbass spielt die Mutter eines von ihnen, die irgendwann ahnt, was ihr Sohn vorhat. Eine kleine Rolle, aber eine wichtige: Es sind die Frauen, die in „Paradise Now“ die Hoffnung auf Frieden und Versöhnung vertreten.

Hoffnung auf Frieden, das ist für Hiam Abbass auch das zentrale Motiv ihrer Arbeit: „Wenn es überhaupt so etwas wie Frieden auf der Welt gibt, dann an einem Filmset, an dem israelische, syrische, palästinensische und deutsche Schauspieler zusammenwirken.“ So war es in Eran Riklis’ utopisch schönem Liebesfilm „Die syrische Braut“: eine Hochzeit auf den Golanhöhen, die Braut hängt an der Grenze zu Syrien fest, während ihr Mann auf der anderen Seite wartet, eine kafkaeske Situation, getragen von starken Frauen. Hiam Abbass spielt die ältere Schwester der Braut, verheiratet und mit ihrem Leben nicht glücklich. Am Ende wagt sie den Aufbruch nach Jerusalem, in ein neues Leben. Ein Hoffnungszeichen.

Die internationale Filmfamilie: Dort ist Hiam Abbass zu Hause. Deshalb auch fühlt sie sich in der buntgemischten Jury so wohl. In Nazareth geboren, in Israel ausgebildet, spricht sie Arabisch, Hebräisch, Englisch, Französisch und lebt mit Mann und Kindern in Paris: „Das ist ein privilegiertes Leben“, gesteht sie ein. „Und wir dürfen nicht vergessen, dass die meisten Menschen nicht die Chance haben, ihren Aufenthaltsort frei zu wählen. Darum gibt es ja diese Konflikte: Weil es Grenzen gibt, die man nicht überschreiten kann. Und zu viele Menschen, die keine Papiere haben, um zu reisen.“

Dass sie explizit politische Filme drehe, hat Hiam Abbass vehement von sich gewiesen: Das ganze Leben sei politisch, also seien es auch die Filme. Aber vor allem gehe es um Verständigung: „Das ganze Filmbusiness ist eine Form der Kommunikation: Man erfährt Dinge, die man zuvor nicht wusste oder über die man noch nicht nachgedacht hatte. Das Kino ist derzeit die einzige Kraft, die wirklich für den Frieden arbeitet. Das ist für mich auch Politik, nicht nur das, was Politiker entscheiden.“

Wenn es um Verständigung geht, ist die multilinguale Hiam Abbass besonders gefragt: als Sprachcoach bei Steven Spielbergs „Munich“ zum Beispiel, der das durch Palästinenser verübte Attentat bei den Olympischen Spielen 1972 schildert und die anschließende Jagd des israelischen Geheimdiensts nach den Attentätern. „Natürlich hatte ich vorher Bedenken, habe mich gefragt, ob ich in so einem Film mitspielen kann. Aber dann habe ich Spielberg getroffen und das Drehbuch gelesen, ich hatte nicht den Eindruck, dass er Partei für eine Seite ergreifen würde. Natürlich haben wir viel diskutiert auf dem Set. Aber sobald der Dreh einmal begonnen hat, waren alle nur noch daran interessiert, ihre Sache möglichst gut zu machen. Wenn es wirklich einen Ort auf der Welt gibt, an dem Gleichberechtigung herrscht, dann am Set.“

HIAM ABBASS,

geboren 1960 in Nazareth , studierte in Israel zunächst Fotografie, arbeitete dann einige Zeit am Hakawati-Theater

in Ost-Jerusalem.

Mit 28 Jahren verließ

sie Israel. Nach einigen Jahren in London lebt sie heute mit Mann und zwei Kindern in Paris . In diesem Jahr ist sie Mitglied der Internationalen Jury der Berlinale.

FILME

Mit Satin Rouge wurde Hiam Abbass 2002 auch international bekant. Wichtige Rollen spielte sie in Eran Riklis’ „Die Syrische Braut“ (2004), Hany Abu-Assads Paradise Now (2005), Amos Gitais „Free Zone“ (2005), Steven Spielbergs Munich (2005), für den sie auch als Sprachcoach fungierte, sowie in Catherine Hardwickes Verfilmung der Weihnachtsgeschichte, The Nativity Story (2006). Zuletzt spielte sie in Julian Schnabels Le Scaphandre et le Papillon , der 2008 ins Kino kommen soll. Nebenbei hat sie zwei Kurzfilme gedreht („Das Brot“, 2001, und „Der ewige Tanz“, 2004) und arbeitet an weiteren Drehbüchern.

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