Kultur : Nur eine Nacht noch, bitte

Pop ohne Abgrund: Phil Collins verabschiedet sich mit einer letzten Tournee

Kai Müller

Warum gibt es Abschiedstourneen? Vermutung: – noch mal Absahnen, bevor es zu spät ist (zynischer Gedanke); – ein letztes Mal alle Hits spielen müssen und danach nie wieder (verständlicher Gedanke); – eine Entschuldigung dafür haben, dass man keine neuen Hits hat (katholischer Gedanke); – Auf Wiedersehen sagt’s sich leichter, wenn man weiß, dass man wiederkommt (Horrorvorstellung).

Niemand hat Phil Collins vermisst. Dass er seit sieben Jahren nicht mehr leibhaftig unter uns war, ist glatt untergegangen in der Akkordschwemme, mit der der ehemalige Genesis-Schlagzeuger und -Frontmann die Radioformate noch immer beherrscht, als hätte man die extra für ihn erfunden. Nun hat der kleine Mann mit dem Glamourfaktor eines Hydranten sich noch einmal aufgerafft. Seine Fans sind die treuesten, sie sollen mit einer „First Final Farewell“-Tour beschenkt werden – mit einem ersten letzten Tschüss, was den schon immer etwas kauzigen Humor dieses „König Midas der Popmusik“ unterstreicht.

Schlagzeuger und Frontmann zu sein, ist ein Paradox, das den wundersamen Aufstieg des kleinen Briten von Anfang an begleitet. Schlagzeuger sitzen nämlich auf der Bühne weit hinten. Und das hat Gründe. Als Phil Collins in Berlin mit zwei Drumsticks auf die Waldbühne schlendert und sich hinter seine ausladende Trommelbatterie setzt, fügt er ihnen noch ein paar hinzu. Denn was folgt, ist ein veritables Herumgeballere. Mit Musik hat das nichts zu tun. Collins und sein Partner, der famose Chester Thompson, buddeln sich minutenlang durch ein grollendes Beat-Wischiwaschi, das eben nur zeigt, dass Collins, im Nebenberuf Komödiendarsteller, am liebsten den Kasper gibt. Von hier aus besehen, ist die Verwandlung des einstigen Drummers in einen der meistgehörten Popkünstler unserer Tage wirklich ein enormer Schritt.

Aber es ist leicht, einen wie Collins zu verspotten. Und ungerecht. Denn sein zweistündiges Best-of-Programm, das sich aus der Stil-Schablone seines großartigen Solo-Debüts „Face Value“ (1981) erhebt, über Motown-Exkursionen („You Can’t Hurry Love“) fortsetzt und bis zur Funkyness von „Sussudio“ steigert – es zeigt einen Emotionsartisten ohne Falsch. Über 200 Millionen Platten hat er verkauft und das, obwohl sein Mangel an Hippness nicht mal zum Antihelden gereicht hat. In Phil Collins Popwelt gibt es keine Abgründe. Viele Menschen beruhigt das.

So bilden den Kern des Abends denn auch seine zahlreichen Herzschmerz-Balladen, in denen er Frauen, die nichts von ihm wissen wollen, mit Komplimenten überschüttet. „One More Night“ ist solch ein Lied. Eine Endlosbitte, noch einmal ran zu dürfen, obwohl es eigentlich schon vorbei ist. Collins hält die Liebe von der Inbrunst des Sexuellen frei, um sie als „another day in paradise“ zu glorifizieren. Ein schlichtes, aber wirkungsvolles Romantik-Design.

Doch die Kluft ist groß zwischen dem Normalmenschen Collins, der in grauem Leinenkimono über die Bühne joggt, und der Menge an Raum, die er füllen muss. Man versteht, dass er es satt hat, Lufterschütterungen für Zigtausende zu verursachen. Und so geht er mit der Einsicht von der Bühne: „It’s never too late.“

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