Kultur : Nur für Erwachsene

Endlich dreißig: Placebo rocken in der Berliner Columbiahalle

Nadine Lange

Brian Molko gehörte lange zu der Sorte Rockstar, die schnell und gefährlich lebt. Das geht häufig schief. Und so hätte man sich leicht einen Nachruf vorstellen können, in dem Molkos Blut als eine Mischung aus Gin, Amphetaminen und Kokain beschrieben wird. Auch Andeutungen über bizarren letzten Sex hätte man ohne weiteres geglaubt. Doch irgendwie hat Molko es geschafft, diese Meldung zu vermeiden. Er ist inzwischen dreißig und sogar ein bisschen erwachsen geworden. Wahrscheinlich hat er bemerkt, dass es irgendwann auch für Rockstars peinlich wird, wenn sie auf Partys den Spice Girls vor die Füße kotzen.

Also hält der Sänger und Gitarrist von Placebo die Nase jetzt fern von weißem Pulver, geht regelmäßig ins Fitness-Studio und konzentriert sich auf die Musik. Und das scheint zu funktionieren: Mit „Sleeping with Ghosts“ (Virgin), ihrem vierten Album, haben sich Placebo den Klassenerhalt in der ersten Rock-Liga erspielt. Die Platte sauste in Deutschland sofort auf Platz zwei der Albumcharts, was vor allem ein Verdienst der großartigen Single „The bitter End“ ist.

Sie beginnt mit einem einfachen Alarm-Riff, das die nervöse Grundstimmung des Songs bestimmt. Dazu kommen eine unwiderstehliche vorwärts preschende Rhythmussektion und schließlich der nasal-nölige Gesang von Molko. Im Refrain darf ein E-Piano die Akzente setzen – das ist eine dezent verpackte Neuerung, die mit Produzent Jim Abiss (Björk, Massive Attack) zu tun hat. Er rückte elektronische Elemente auf der neuen CD etwas weiter nach vorn, was aber dem Placebo-Sound nichts anhaben konnte: Weiterhin trifft Rock aus den Ecken Glam, Grunge und Noise auf etwas New Wave.

Mit dem wuchtigen Instrumental, das „Sleeping with Ghosts“ eröffnet, beginnt das amerikanisch-britisch-schwedische Trio sein Konzert in der seit Wochen ausverkauften Berliner Columbiahalle. Das Licht geht an, und Molko steht in schlichten schwarzen Klamotten und mit dünner gewordenem Haar am linken Bühnenrand, flankiert von Bassist Stefan Olsdal, der ihn um zwei Köpfe überragt. Ein weiterer Gitarrist und ein Keyboarder sind im kaum beleuchteten hinteren Bühnenteil verstaut. In der Mitte thront Drummer Steve Hewitt, ohne T-Shirt und in kurzen Hosen. Schwitzend prügelt er die Band durch den ungeheuer dynamischen ersten Konzertteil, in dem alle Songs deutlich schneller präsentiert werden als auf den Alben.

So wirkt „Every you, every me“ weniger leidend, und das eigentlich eher mantrahafte „Protect me from what I want“ entwickelt sich zu einem Melodram, bei dem Molko knieend in eine Mundharmonika trötet. Es fällt auf, wie oft es in den neuen Songtexten ums Älterwerden und die Vergänglichkeit geht. Am Ende, im Zugabenblock, spielen Placebo Mitsing- und Mitklatschversionen ihrer Hits, widmen Nina Simone den Schmatzfetzen „Centerfolds“. Den Schlusspunkt setzt eine respektvolle Version des Pixies-Klassikers „Where is my Mind“. Erwachsensein kann auch cool sein.

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