Kultur : Nur kein Ausverkauf

Schöne Hülle und schleichende Krise: Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes in Berlin

Michael Zajonz

Eigentlich wollte sich der Museumsbund unter dem Titel „Die schöne Hülle“ ausschließlich der im letzten Jahrzehnt entstandenen oder geplanten Museumsarchitektur und den darin praktizierten Präsentationsformen widmen. Doch die gesellschaftliche Krise macht trotz steigender Besucherzahlen – im letzten Jahr zählten die deutschen Museen über 100 Millionen Besucher – auch vor den kulturellen Archiven nicht Halt.

Kulturstaatsministerin Christina Weiss hatte in ihrem Einführungsvortrag bereits vehement auf die Gefahren, die beispielsweise den hessischen Museen aus der dort geplanten „Neuen Verwaltungssteuerung“ (NVS) drohen, verwiesen. Sammlungsleitern und Kustoden ist die undankbare Aufgabe, den monetären Wert jedes einzelnen Stückes zu ermitteln, bereits angekündigt worden. Im schlimmsten Falle drohe fachfremder Zugriff bis hin zum Verkauf. Auch traditionsreiche sächsische Institutionen, so der Generaldirektor der Dresdener Kunstsammlungen und scheidende Vorsitzende des Museumsbundes, Martin Roth, müssen mit schleichender Aushöhlung ihrer Rechte durch landesherrliche Umstrukturierungen rechnen.

Zwar betonte Weiss, dass mit ihr der Verkauf musealen Tafelsilbers, „um öffentliche Haushalte zu sanieren oder das Dach des Museums zu reparieren“, nicht zu machen sei. Doch der Bund trägt nur für den kleinsten und am wenigsten gefährdeten Teil der deutschen Museumslandschaft Verantwortung. Wird man, wie Karin von Welck, Leiterin der Kulturstiftung der Länder, vorschlug, die Liste national wertvollen und damit geschützten Kulturguts schleunigst um bislang als unveräußerlich geltende Objekte aus öffentlichen Sammlungen ergänzen müssen?

Die gute Laune war jedenfalls getrübt. So hatten es eloquente Redner wie Forster oder der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen Reinhold Baumstark – der „seine“ Münchener Pinakothek der Moderne pries – schwer, die Aufmerksamkeit des Auditoriums auf die schönen, aber auch gefährlichen Seiten der „schönen Hülle“ Architektur zu lenken. Seit Museen auch Lifestyle-Maschinen sind, muss ihre bauliche Gestalt komplexer, flexibler sein. Das Theater hat über den Tempel gesiegt: Auf diese Formel brachte Forster die letzten 30 Jahre Museumsboom.

Mit schönen Bildern, die sich allerdings auf die zu vollendende preußische Akropolis Friedrich Wilhelms IV. beriefen, warb auch Peter-Klaus Schuster. Der 1999 von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beschlossene Masterplan für die Berliner Museumsinsel ist erst zu kleinen Teilen realisiert. Doch Berlins Museumsgeneral träumt unbescheiden vom musealen Brückenschlag Richtung Westen (ein Neubau für die erst vor fünf Jahren am Kulturforum eröffnete Gemäldegalerie) und Süden (das Schloss für die außereuropäischen Sammlungen). Tagesspiegel-Redakteur Bernhard Schulz, der die Tagung moderierte, fragte zu Recht, ob durch die räumliche Expansion nicht der besondere Charakter der Inselstadt verloren gehe. Paradox: Eine Gesellschaft, die ihr kulturelles, wissenschaftliches und natürliches Erbe misslaunig unter Einsparmöglichkeiten betrachtet, baut sich gerade an ihren zentralen Orten Museen.

Am zweiten Tag dann überwogen die guten Nachrichten. Harald Benke und Manfred Sabatke berichteten über den großzügigen Erweiterungsbau für das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund, das dem alten Hafen der Hansestadt eine Publikumsattraktion ersten Ranges verspricht. Zu DDR-Zeiten war das Haus das bestbesuchte Museum der Republik; seine Beliebtheit hat es – mittlerweile als einer der 20 „Leuchttürme“ im Osten geadelt – im vereinten Deutschland bewahren können. Als Symbol des dramatischen Strukturwandels an der Saar kann die Völklinger Hütte dienen. 1994 als überhaupt erstes Denkmal des Industriezeitalters in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen, hat sie sich als Ort vielfältiger Veranstaltungen weit über ihren engeren Standort hinaus etabliert, wie der Leiter dieses 1999 begründeten „Europäischen Zentrums für Kunst und Industriekultur“, Meinrad Maria Grewenig, mit eindrucksvollen Grafiken untermauerte.

Wie sich ein geschichtsreiches Museum als neue „Marke“ positionieren kann, demonstrierte zum Abschluss der Tagung Klaus Albrecht Schröder aus Wien. Die von ihm seit 1999 geleitete Grafische Sammlung Albertina, vor sieben Wochen erst nach grundlegendem Umbau wieder eröffnet, bezeichnete er mit dem Selbstbewusstsein des erfolgreichen Kulturmanagers schlicht als „Österreichs modernstes Museum“.

Es ist dieser Optimismus, den die gut 350 nach Berlin gekommenen Museumsleute hören wollten: auch und vor allem, weil sie – und ihr am Dienstagabend neu gewählter Vorsitzender Michael Eissenhauer, Direktor der Staatlichen Museen Kassel – ihn in Zukunft noch gut gebrauchen können.

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