Kultur : Nur keine violetten Schweine

Wie die Impressionisten nach Berlin kamen: Eine Ausstellung erinnert an den Kampf der Nationalgalerie mit dem Kaiser

Michael Zajonz

Die schönsten Franzosen kommen aus New York? In Berlin gibt es ebenfalls ansehnliche Exemplare. Zusammengetragen wurde die Sammlung impressionistischer Meisterwerke vor 100 Jahren: für die Alte Nationalgalerie. Mit Manets „Im Wintergarten“ erwarb die Nationalgalerie 1896 als erstes Museum ein Hauptwerk des Malers. Lediglich das Metropolitan hatte zuvor zwei Manets erhalten: als Schenkung von Louisine Havemeyer.

Unter dem Motto „Frankreich in der Nationalgalerie“ haben die Berliner Museen nun ihre Bestände an französischer Malerei des 19. Jahrhunderts und die davon beeinflusste Malerei der Berliner Secession neu geordnet. Außerdem werden französische Grafiken und Zeichnungen aus dem Kupferstichkabinett gezeigt. Wahre Schönheit erzählt immer eine Geschichte: Was heute wie ein unschuldiges Fest der Sinne wirkt, löste um 1900 einen der schärfsten Konflikte der Berliner Museumsgeschichte aus.

Wie hart um die Kunst der Moderne gekämpft wurde, verdichtet sich in einer Szene. Miterlebt hat sie der Kunstkritiker Julius Meier-Graefe in einem der beiden Cornelius-Säle der Nationalgalerie. Die handelnden Personen: Hugo von Tschudi, von 1896 bis 1908 Direktor der Nationalgalerie, und Kaiser Wilhelm II. „In der Mitte des Saales“, erinnert sich Meier-Graefe, „stand Tschudi im dunklen Cutaway, und um ihn herum bewegte sich in Weiß-Gold der andere und hatte einen Vogel auf dem güldenen Helm, der beständig nickte. Der Schwarze rührte sich nicht von der Stelle, während der Goldene mit seinem Herumschwirren den ganzen Saal in leuchtende Membran versetzte. (...) Manchmal sah es so aus, als pralle der Goldene tosend an den Schwarzen und man wunderte sich, dass dieser nicht umfiel. Plötzlich segelte der Goldene mit dem Vogel zur Türe hinaus. – Diesmal war ich von dem ungünstigen Verlauf überzeugt. Es handelte sich um das Schicksal des großen Renoir. Ein bisschen nervös teilte uns Tschudi mit, S. M. habe das Bild angenommen.“

Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Tschudi und dem Kaiser sind legendär. „Nur keine violetten Schweine“ soll Wilhelm II. seinem Galeriedirektor zugerufen haben, als man sich 1896 erstmals traf, um über Bilderankäufe zu beraten. Für die anfängliche Aufgeschlossenheit des Monarchen spricht, dass er damals Werke von Henri Fantin-Latour und Anders Zorn für die Galerie erwarb. Wenig später fuhr Tschudi nach Paris, um bei dem berühmten Kunsthändler der Impressionisten Paul Durand-Ruel neben Manets „Wintergarten“ Werke von Courbet, Monet, Cézanne und Degas auszuwählen. Die Impressionisten, bereits seit den 1880er Jahren von Berliner Privatsammlern geschätzt, erhielten endlich Museumsweihen.

Tschudi, der als „Adjutant“ Wilhelm von Bodes elf Jahre lang den Umgang des Museumsmannes mit Mäzenen beobachtet hatte, ließ seine Entdeckungen durch dieselben kunstsinnigen Großbürger finanzieren. Manets „Wintergarten“ etwa stifteten der Berliner Kohlengroßhändler Eduard Arnhold sowie die Bankiers Ernst und Robert von Mendelssohn und Hugo Oppenheim. „Touren à la Bode“ nannte Tschudi seine Methode, die ihm später die Missgunst seines Mentors einbrachte. Der Kaiser musste Tschudis Erwerbungen für „seine“ Nationalgalerie tolerieren. Was er anfangs auch tat.

Zum Eklat kam es 1899. „Der deutschen Kunst“ ist die Nationalgalerie laut Giebelinschrift gewidmet. Nun ließ Tschudi Werke des Romantikers Peter von Cornelius abhängen, um Kunst des „Erbfeinds“ Frankreich zu zeigen. Von Anton von Werner, Akademiepräsident und Berater des Kaisers, aufgehetzt, bestimmte Wilhelm, dass die bevorzugte Präsentation der Franzosen rückgängig zu machen und fortan jede Schenkung mit ihm abzustimmen sei.

Selbst unter diesen Bedingungen gelangen Tschudi bedeutende Ankäufe. Die von Meier-Graefe geschilderte Szene, die zum Erwerb von Renoirs Familienbild „Der Nachmittag der Kinder in Wargemont“ führte, fand 1906 statt. Vermittelt wurde er durch die Berliner Galerie Paul Cassirer. Zwei Jahre später fiel Tschudi in Berlin endgültig in Ungnade und ging an die Neue Pinakothek nach München – mit etlichen noch nicht in der Nationalgalerie untergebrachten Impressionisten. Erst 1996 wurden die Münchner und Berliner Erwerbungen in einer Ausstellung vereint – für einen glücklichen Augenblick.

Alte Nationalgalerie, Museumsinsel, bis 7. 10., Katalog 20 Euro.

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