Kultur : Nur nicht vertippen

Der Herr der Pressekarten über gestresste Kritiker

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Detlef Baltrock

ARBEITET AM TICKETSCHALTER

Ich bin jetzt schon zum achten Mal auf der Berlinale und arbeite am Ticketcounter im Hyatt, wo die Leute mit Akkreditierung ihre Eintrittskarten abholen. Darunter sind auch eine Menge Filmkritiker, zu denen ich über die Jahre persönliche und sogar freundschaftliche Beziehungen aufgebaut habe. Manche nennen mich die gute Seele der Kartenausgabe. Na ja, ich freue mich eben, wenn ich Menschen aus den Vorjahren wiedersehe und versuche immer Zeit für ein kurzes Gespräch zu finden. Mich interessiert, wie der eine oder andere Film beim Fachpublikum angekommen ist.

Wir fangen jeden Morgen um acht Uhr an und arbeiten bis abends um sieben. Es gibt nur ein kleines Päuschen. Eigentlich ist die Arbeit einfach. Die Leute mit Akkreditierung müssen auf einer vorgedruckten Liste die Filme ankreuzen, die sie sehen möchten. Die Filme sind mit Barcodes versehen. Wir scannen die Akkreditierung ein und dann die Filme. Dann drucken wir die Karten aus. Die Kombination von Akkreditierung und Film wird gespeichert, so dass keiner zweimal in den gleichen Film gehen kann. Hört sich einfach an, aber die Masse der Menschen, die hier täglich Schlange steht, macht es schwierig.

Da kommen Menschen aus der ganzen Welt. Ich spreche Englisch und Französisch, eine Fremdsprache ist Pflicht in diesem Job. Viele Gäste haben Fragen: Darf ich diesen Film schauen, oder jenen. Und dann gibt es gibt auch Leute, die kommen völlig durch den Wind an meinem Counter an. Meistens sind es Leute mit Kindern, die versuchen, ein paar Filme zu sehen, während sie eine Betreuung für ihre Kinder organisiert haben. Für Eltern gibt es dieses Jahr ja den Berlinale-Kindergarten.

Ich bin mir bewusst, dass diejenigen, die bei mir anstehen, nicht aus Spaß zur Berlinale gekommen sind, sondern aus beruflichen Gründen. Manche reagieren arschig, weil sie im Stress sind und die Tickets für eine Vorführung ausgegangen sind. Andere halten sich für Großkritiker und erwarten, dass wir alles in Bewegung setzen, wenn es mal keine Karten mehr gibt. Aber ich versuche immer, einen freundlichen Umgangston zu bewahren.

Auch wenn es mal schnell gehen muss, entzerre ich die Abläufe. Ich darf keine Tippfehler machen, etwa statt 1 Ticket 11 in den Computer eingeben. Dann kommt hier alles ins Stocken, und es gibt Remmidemmi. Das Schlimmste ist ein Computerausfall am Morgen. Die Ticketausgabe beginnt um halb neun und die Schlange ist schon lang. Viele stellen sich früh an, um Tickets zu ergattern. Sie wollen für den Rest des Tages frei sein. Wenn dann der Computer ausfällt, sind sie natürlich sauer. Die ganze Atmosphäre ist ohnehin stressig. Immer sind Menschen um dich herum, alles ist in Bewegung, es gibt keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Deshalb versuche ich, mich innerlich zu entspannen.

Aber verstehen Sie mich nicht falsch. Ich arbeite sehr, sehr gerne auf der Berlinale – und zwar nicht nur wegen des Geldes. Ich bin Maler und verbringe viel Zeit in meinem Atelier. Auf dem Festival komme ich unter Menschen. Und nach der Arbeit versuche ich meistens, noch selbst ins Kino zu kommen, obwohl es spät werden kann. Aber das gehört einfach zu meinem Job, denn ich will ja mitreden können. Aufgeschrieben von Philipp Lichterbeck

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